Oura will 2,2 Mrd. Dollar beim IPO holen: Zahltag für Investoren und die Steuerbehörde
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Der finnisch-amerikanische Smart-Ring-Hersteller Oura hat den Start seines Börsengangs an der Nasdaq angekündigt. Das Unternehmen und seine bestehenden Aktionär:innen bieten gemeinsam 50 Millionen Aktien in einer Preisspanne von 40 bis 44 Dollar an, was ein Emissionsvolumen von bis zu 2,2 Milliarden Dollar ergibt. Am oberen Ende der Spanne käme Oura auf eine Marktkapitalisierung von rund 14,1 Milliarden Dollar. Gehandelt werden soll unter dem Kürzel „OURA“.
Der Blick in den aktualisierten Börsenprospekt zeigt allerdings, dass es sich nur bedingt um eine Kapitalbeschaffung handelt. Von den 50 Millionen Aktien stammen 36,5 Millionen und damit fast zwei Drittel aus den Beständen bestehender Aktionär:innen. Beim Mittelwert von 42 Dollar je Aktie flössen ihnen vor Gebühren rund 1,53 Milliarden Dollar zu, dem Unternehmen selbst etwa 567 Millionen Dollar.
Forerunner Ventures steigt komplett aus
Den größten Anteil am Verkauf hält Forerunner Ventures. Die US-Venture-Firma trennt sich von ihrer gesamten Beteiligung von 9,3 Prozent oder rund 28,7 Millionen Aktien, was beim Mittelwert der Preisspanne etwa 1,20 Milliarden Dollar entspricht, ebenfalls vor Underwriting-Gebühren und Steuern. Damit entfallen knapp 80 Prozent aller von Altaktionär:innen angebotenen Aktien auf einen einzigen Investor. Forerunner war laut PitchBook erstmals in der 28 Millionen Dollar schweren Series B eingestiegen.
Auch beim Unternehmensanteil bleibt wenig hängen. Oura erwartet beim Mittelwert einen Nettoerlös von 532,6 Millionen Dollar und will davon rund 526,4 Millionen Dollar für Steuerverpflichtungen aufwenden, die mit dem Börsengang fällig werden, weil Mitarbeiter:innen-Aktienpakete (RSUs) in diesem Moment vesten. Für allgemeine Unternehmenszwecke blieben laut Prospekt etwa 6,2 Millionen Dollar übrig. Oura bedient diese Steuerlast damit weder über neue Schulden noch über die eigene Liquidität, die zuletzt bei 371,8 Millionen Dollar lag.
Zwei Ankerinvestoren haben Interesse angemeldet: Eli Lilly will Aktien um bis zu 100 Millionen Dollar zeichnen, Fonds von Dragoneer um bis zu 300 Millionen Dollar. Lilly hält zusätzlich ein Wandeldarlehen (SAFE) über 50 Millionen Dollar, das mit dem IPO in Aktien umgewandelt wird.
Umsatz fast verdoppelt, Abo wird zum Margenbringer
Die Zahlen hinter dem Börsengang sind ungewöhnlich steil. In den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres setzte Oura 1,214 Milliarden Dollar um, ein Plus von 74 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Nettogewinn stieg von 1,6 auf 60,8 Millionen Dollar, das bereinigte EBITDA von 83,5 auf 106,7 Millionen Dollar. Weil Oura gleichzeitig Marketing und Forschung hochgefahren hat, sank die bereinigte EBITDA-Marge von 12 auf 9 Prozent.
Der Löwenanteil des Geschäfts ist nach wie vor Hardware: 974 Millionen Dollar entfielen auf Ringverkäufe. Das Abogeschäft wuchs allerdings deutlich schneller und kam auf 240,5 Millionen Dollar, also rund 20 Prozent des Gesamtumsatzes. Mit 89 Prozent Bruttomarge ist die Mitgliedschaft das mit Abstand profitabelste Standbein, die Gesamtbruttomarge liegt bei 55 Prozent. In den USA kostet das Abo 5,99 Dollar pro Monat oder 69,99 Dollar im Jahr, 63 Prozent der Neukund:innen entscheiden sich gleich für die Jahresvariante.
Der Mechanismus dahinter: Über 94 Prozent aller aktivierten Ringe konvertieren in eine zahlende Mitgliedschaft. Zum Ende des laufenden Geschäftsjahres erwartet Oura rund 5,7 Millionen zahlende Mitglieder, was beinahe einer Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr entspräche. Zuletzt waren es 5,0 Millionen in 56 Märkten. Die gewichtete Zwölf-Monats-Retention gibt das Unternehmen mit etwa 85 Prozent an, das Verhältnis von täglich zu monatlich aktiven Nutzer:innen mit rund 65 Prozent.
Bemerkenswert ist der Preistrend: Der durchschnittliche Umsatz pro verkauftem Ring sank von 332 auf zuletzt 311 Dollar, obwohl der Oura Ring 5 mit Listenpreisen ab 399 Dollar teurer eingepreist ist als seine Vorgänger. Ursache sind Kanalmix, Handelsmargen und Rabatte. Knapp die Hälfte des Hardwareumsatzes läuft inzwischen über den Handel, unter anderem über Amazon, Best Buy, Costco, Harrods und Target.
Bewertungssprung binnen zwei Jahren
Die angepeilte Bewertung setzt eine steile Serie fort. Vor knapp einem Jahr wurde Oura bei einer 900-Millionen-Dollar-Runde unter Führung von Fidelity mit rund 11 Milliarden Dollar bewertet, mit ICONIQ, Whale Rock und Atreides an Bord. Weniger als ein Jahr davor lag die Bewertung bei einer 200-Millionen-Dollar-Runde noch bei 5,2 Milliarden Dollar. Insgesamt hat das Unternehmen laut PitchBook rund 2,06 Milliarden Dollar eingesammelt.
Strukturell ist Oura zuletzt vom europäischen zum US-Unternehmen geworden. Die Holding wurde von Finnland in den Bundesstaat Delaware verlegt, der Hauptsitz liegt in San Francisco. Von den rund 1.350 Vollzeitbeschäftigten in elf Ländern sitzt weiterhin ein erheblicher Teil in Finnland, wo Oura Büros in Helsinki und Oulu betreibt.
Datenberg als Burggraben, Samsung als Risiko
Als zentralen Wettbewerbsvorteil nennt Oura im Prospekt seinen Datenbestand: fast 42 Milliarden Stunden longitudinaler Biometriedaten, über 50 Gesundheitsmetriken und mehr als 1.140 Patente und Patentanmeldungen. Mitglieder tragen den Ring im Median etwa 23 Stunden pro Tag, das Signal am Finger sei bis zu hundertmal stärker als am Handgelenk. Darauf setzen eigene Health-Foundation-Models sowie gesundheitsspezifische Sprachmodelle, die den KI-Coach Oura Advisor antreiben. Als Konkurrenz nennt das Unternehmen Apple, Google mit Fitbit, Samsung sowie Coros, Garmin und Whoop.
Der Prospekt listet zugleich eine Reihe von Risiken auf. Samsung hat bei der US-Handelsbehörde ITC eine Beschwerde wegen vier Patenten eingebracht, die im Erfolgsfall Importbeschränkungen für bestimmte Oura-Produkte in die USA zur Folge haben könnte. Omni MedSci fordert vor einem texanischen Gericht rund 120 Millionen Dollar. Dazu kommen zwei Klagen des früheren CEO Harpreet Singh Rai, unter anderem wegen behaupteten Wertpapierbetrugs im Zusammenhang mit einem Aktienrückkauf.
Operativ hängt Oura an wenigen Auftragsfertigern, eigene Werke gibt es nicht, bei einzelnen Komponenten existiert nur eine einzige Bezugsquelle. Produktion und Lieferkette konzentrieren sich auf Nordeuropa und Asien, US-Zölle auf Importe aus Estland, Finnland, Mexiko, Südkorea, China und den Niederlanden werden explizit als Kostenrisiko genannt. Im laufenden Jahr verteuerten sich Fracht, Zölle und Hardware-Overhead um 64,1 Millionen Dollar. Auch die Kundenkonzentration ist hoch: Im abgelaufenen Geschäftsjahr entfielen auf zwei Einzelkunden 12 beziehungsweise 10 Prozent des Gesamtumsatzes, zu den Enterprise-Kund:innen zählt das US-Verteidigungsministerium.
Regulatorischer Drahseilakt
Ein Qualitätsthema belastete zuletzt die Marge: Bestimmte Chargen des Oura Ring 4 zeigten Batterieprobleme, das Unternehmen tauschte Geräte teils auch außerhalb der Garantiefrist kostenlos, die Garantiekosten stiegen um 28,6 Millionen Dollar.
Regulatorisch bewegt sich Oura bewusst außerhalb der Medizinproduktregeln: Die meisten Funktionen werden als „General Wellness“-Produkte vermarktet, für die die US-Arzneimittelbehörde FDA Ermessensspielraum einräumt. Ändert die Behörde ihre Leitlinie oder bewertet sie einzelne Funktionen wie die Blutdrucksignale anders, drohen Zulassungsverfahren. In der EU gibt es laut Prospekt keine vergleichbare formale Ausnahmeregelung.
Eine letzte Zahl, die die Kapitalstruktur erklärt: Oura hat 375 Millionen Dollar aus einer Kreditlinie gezogen, überwiegend um eigene Aktien von Altaktionär:innen zurückzukaufen. Das Eigenkapital ist dadurch mit minus 1,6 Milliarden Dollar tief negativ, den 380,1 Millionen Dollar Schulden stehen 371,8 Millionen Dollar an liquiden Mitteln gegenüber.

