Einen KI-Crash kann sich niemand ernsthaft wünschen
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Die Zahl der Crash-Prophet:innen wächst gerade schneller als der Umsatz mancher KI-Firma. Die Aktien der Neoclouds wie CoreWeave und Nebius haben binnen eines Monats bis zu 40 Prozent verloren, OpenAI hat seine Finanzierungsrunde von 30 auf 20 Milliarden Dollar gestutzt, und Gartner glaubt, dass vier von fünf Neoclouds bis 2030 nicht mehr eigenständig existieren. Dazu kommen die Gegner:innen neuer Rechenzentren, die in den USA, in Österreich und zuletzt in Finnland auf die Barrikaden gehen, wo die Behörden Googles Bauarbeiten gestoppt haben.
Am deutlichsten formuliert es Cory Doctorow. Der Big-Tech-Kritiker hält KI für ein Geschäft, das mit jedem neuen Kunden Geld verliert, und gibt Europa im Interview mit Trending Topics einen bemerkenswerten Rat: „Wenn ihr KI wollt, wartet, bis die Blase platzt, und kauft alles mit 90 Prozent Rabatt.“ Er ist mit dieser Haltung nicht allein. In der Tech-Szene, unter Investor:innen und in der Politik gibt es viele, die den Knall herbeisehnen, sei es aus Häme gegenüber dem Silicon Valley, sei es in der Hoffnung, die Überreste günstig einzusammeln.
Ich halte das für einen gefährlichen Wunsch.
Der Anthropic-Börsengang als Lackmustest
Ob die Stimmung kippt, dürfte sich in den nächsten Wochen entscheiden. Anthropic will noch vor Thanksgiving an die Nasdaq und dabei mindestens so viel einsammeln wie SpaceX mit 86,2 Milliarden Dollar. Die Zahlen sind gleichzeitig atemberaubend und beängstigend: Im dritten Quartal setzte das Unternehmen rund 17 Milliarden Dollar um, zwölfmal so viel wie ein Jahr zuvor, schrieb aber einen Nettoverlust von 23 Milliarden Dollar. Dazu kommen Verpflichtungen für Rechenleistung von rund 895 Milliarden Dollar. Investor:innen sprechen von einer Bewertung um 1,5 Billionen Dollar.
Doctorow fürchtet, dass Kleinanleger:innen mit ihrer Pensionsvorsorge zur Exit-Liquidität für die Insider werden. Das Risiko ist real. Läuft der Börsengang aber schief, trifft das weit mehr als die Aktionär:innen von Anthropic. Dann steht die Frage im Raum, ob sich die Hunderte Milliarden für Rechenzentren je rechnen, und zwar für die gesamte Branche gleichzeitig.
Und in den USA weht Anthropic, OpenAI und Co ab sofort ein schärferer Wind entgegen. Nach dem Wahlsieg der Demokrat:innen bei den Midterms drohen der Branche Baustopps für Rechenzentren und strengere Regeln. In Texas, wo laut Wells Fargo 27 Prozent der geplanten US-Rechenzentrumskapazität entstehen sollen, hat die künftige Gouverneurin Gina Hinojosa einen Stopp für neue Projekte versprochen, auch die neu gewählten Gouverneur:innen in Georgia und Ohio fordern eine Pause. Goldman Sachs schätzt, dass solche Moratorien rund 45 Prozent des geplanten Ausbaus treffen könnten. Im Kongress wiederum hält der KI-Politik-Analyst Shakeel Hashim ein strenges Gesetz für die leistungsstärksten Modelle mit Pflichttests und Zulassung schon in den ersten Monaten des kommenden Jahres für wahrscheinlich. Die Selbstregulierung, die Donald Trump der Branche bisher zugestanden hat, könnte damit zu Ende gehen. Für Unternehmen, deren Pläne auf immer mehr Rechenleistung beruhen, ist das eine schlechte Nachricht zur Unzeit.
Ohne KI wäre Amerika nahe an der Rezession
Der KI-Boom ist längst mehr als eine Börsengeschichte. „Ohne den KI-Boom wären wir wahrscheinlich in einer Rezession“, sagte der kanadische Ökonom David Rosenberg kürzlich. Doctorow geht noch weiter und hält die US-Wirtschaft abseits der großen KI-Konzerne bereits für rezessiv. Eine Analyse der University of Hawaii kommt zu einem vorsichtigeren Ergebnis, das aber kaum beruhigt: Ohne KI wäre das US-Wachstum zuletzt nur etwa halb so stark gewesen. Den größten Effekt haben dabei die Aktiengewinne, die Haushalte reicher machen und zum Konsum anregen, die Investitionen in Rechenzentren wirken deutlich schwächer. Platzt die Blase, fällt genau dieser Motor aus.
Für Europa wäre das keine ferne Angelegenheit. Die USA sind der wichtigste Exportmarkt der EU und für Österreich der zweitwichtigste nach Deutschland. Eine amerikanische Rezession, ausgelöst durch einen KI-Crash, würde Maschinenbauer:innen, Autozulieferer und Pharmakonzerne diesseits des Atlantiks direkt treffen, und das zusätzlich zu den Zöllen, die Donald Trump ohnehin verhängt hat.
Europas Ersparnisse stecken in US-Aktien
Doctorow glaubt, dass sich ein Crash nicht stark ausbreiten würde, weil die EU nicht so exponiert sei. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Laut US-Finanzministerium hielten Anleger:innen aus Europa Mitte 2025 US-Aktien im Wert von 9,6 Billionen Dollar (rund 8,6 Billionen Euro), fast die Hälfte aller ausländischen Bestände. Die Bestände der Eurozone haben sich laut EZB in zehn Jahren vervierfacht, angetrieben vor allem vom KI-Boom. Und allein 2025 kauften ausländische Investor:innen netto US-Aktien um 720 Milliarden Dollar (rund 647 Milliarden Euro), ein Rekord.
Das ist kein abstraktes Geld von Hedgefonds. Wer in Europa einen ETF auf den MSCI World im Sparplan hat, steckt rund 70 Prozent davon in US-Aktien, und die größten Positionen heißen Nvidia, Microsoft, Apple und Alphabet. Die EZB beziffert allein das Exposure der Haushalte in der Eurozone gegenüber US-Tech-Aktien auf rund 440 Milliarden Euro, über Fonds, ETFs, Versicherungen und Pensionskassen kommt noch einiges dazu. Ihre Ökonom:innen ziehen in einem Blogbeitrag einen klaren Schluss: Ein KI-Absturz in den USA würde kein rein amerikanisches Problem bleiben. Wer den Crash herbeisehnt, wünscht sich also auch einen Einbruch der eigenen Altersvorsorge.
Europas KI-Hoffnungen hängen am US-Geld
Noch direkter träfe es die europäische Startup-Szene. Die Unicorns, auf die Europa so stolz ist, werden großteils mit amerikanischem Kapital finanziert. Bei Mistral sitzen Andreessen Horowitz, General Catalyst und Lightspeed auf der Cap Table, bei Lovable CapitalG und Menlo Ventures, bei Legora Accel, Benchmark, ICONIQ und Fidelity. Und fast überall ist Nvidia dabei: Der Chipkonzern stellt heuer rund zehn Prozent aller Startup-Investments in Europa.
Was passiert, wenn der Nvidia-Kurs halbiert wird und US-Fonds ihre Verluste lecken müssen, hat Europa nach dem Dotcom-Crash erlebt: Die Risikokapitalgeber:innen zogen sich über Jahre zurück, Finanzierungsrunden platzten, Bewertungen kollabierten. Dieses Mal stünden Mistral, Lovable und Legora mitten im Aufbau, und genau ihre Abhängigkeit von amerikanischem Geld würde sie zuerst erwischen. Die europäische KI-Souveränität, über die so gerne geredet wird, würde ein Crash um Jahre zurückwerfen.
Die Schnäppchen-These hat einen Haken
Bleibt die Hoffnung auf den großen Ausverkauf. Doctorow erzählt gerne von den Bürosesseln, die vor dem Dotcom-Crash 1.500 Dollar kosteten und die er danach um 25 Dollar gekauft hat. Nur verlieren Bürosessel kaum an Wert. KI-Chips dagegen veralten in wenigen Jahren, weil Nvidia im Jahrestakt neue Generationen auf den Markt bringt. Wer 2028 billig Server aus der Konkursmasse kauft, kauft Technik von gestern.
Dazu kommt die Frage, wer nach einem Crash überhaupt einkaufen kann. Das werden kaum europäische Startups sein, deren Geldgeber:innen gerade ihre Wunden lecken oder die ihre Geschäftsmodelle via API auf den Plattformen von OpenAI, Anthropic und Co aufgebaut haben. Es werden jene Konzerne sein, die dicke Bilanzen haben, also Microsoft, Google, Amazon und die chinesische Konkurrenz. Die Konzentration, die Kritiker:innen wie Doctorow zu Recht beklagen, würde ein Crash eher verschärfen.
Eine weiche Landung ist das bessere Szenario
Das heißt nicht, dass man die Warnungen ignorieren sollte. Die Verluste sind enorm, die Bewertungen sportlich, die Schulden der Neoclouds gefährlich hoch. Eine Korrektur wird kommen, vielleicht schon mit dem Anthropic-Börsengang. Aber zwischen einer gesunden Korrektur und einem Crash, der Pensionen, Exporte und Europas KI-Szene mitreißt, liegt ein gewaltiger Unterschied.
Selbst Doctorow sagt im Interview: „Ich würde mir eine weiche Landung wünschen, aber das Schlimmste wäre, den Crash zu erleben und dann nichts zu tun.“ Da hat er recht. Europa sollte die Zeit nutzen, um seinen eigenen Kapitalmarkt zu stärken, damit Ersparnisse und Startup-Finanzierung weniger an der Wall Street hängen. Auf den Knall zu hoffen, ist keine Strategie.

