Polarwirbel bricht früh wie nie, und Europas Gasspeicher sind leer
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Ausgerechnet in dem Jahr, in dem Europas Gasspeicher so leer sind wie selten, könnte der Polarwirbel früher zusammenbrechen als je zuvor gemessen. Wettermodelle sagen für die erste Novemberwoche eine plötzliche Erwärmung der Stratosphäre über der Arktis voraus, die den Kälte-Motor am Nordpol spalten könnte. Laut Gizmodo rechnen 86 Prozent der Ensemble-Läufe des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) damit, dass sich die Winde in der Stratosphäre bis zur zweiten Novemberwoche umkehren. So früh im Jahr ist das seit Beginn der Aufzeichnungen 1959 noch nie passiert.
Was gerade über dem Nordpol passiert
Der Polarwirbel ist ein Band starker Westwinde in 30 bis 50 Kilometern Höhe, das die kalte Luft im Winter über der Arktis festhält. Wird er gestört, kann die Kaltluft nach Süden ausbrechen. Auslöser ist derzeit ein kräftiges Hochdruckgebiet zwischen Skandinavien und dem Ural, das Wellen in die Stratosphäre schickt und den Wirbel abbremst.
Solche Störungen gibt es fast jeden Winter, meist aber im Jänner oder Februar. Die bisher frühesten großen Ereignisse fielen jeweils auf Ende November, 1968 und im vergangenen Jahr. Diesmal könnte es drei Wochen früher so weit sein.
„Wir haben das bisher noch nicht gesehen seit Beginn der Aufzeichnung“, sagt Fabian Ruhnau, Meteorologe bei Kachelmannwetter, laut t-online. Judah Cohen, Klimaforscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT), warnt gleichzeitig vor zu viel Gewissheit. Die Modelle hätten noch nie ein so frühes Ereignis gesehen, „sie werden sich damit schwertun“, sagt Cohen. Bis sich eine Störung in der Stratosphäre auf das Wetter am Boden auswirkt, vergehen üblicherweise zwei bis sechs Wochen. „Ich würde die Auswirkungen erst irgendwann im Dezember erwarten“, sagt Cohen.
Speicher deutlich unter dem Schnitt
Für den Gasmarkt kommt die Nachricht zur Unzeit. Laut den Daten der europäischen Speicherplattform AGSI, die die Gasspeicherkarte aufbereitet, sind die Speicher in der EU zu 74,8 Prozent gefüllt. Das sind fast 15 Prozentpunkte weniger als im Fünfjahresschnitt für diesen Tag, umgerechnet fehlen rund 170 Terawattstunden. In Österreich liegt der Füllstand bei 67 Prozent.
Am knappsten ist es in Deutschland. Die deutschen Speicher sind zu 61,4 Prozent gefüllt, im Fünfjahresschnitt waren es zu dieser Zeit 88,7 Prozent. Das entspricht einer Lücke von rund 68 Terawattstunden. Das Winterziel von 70 Prozent hat Deutschland damit verfehlt. Zuletzt wurde dort bereits deutlich mehr Gas aus- als eingespeichert.
Der Markt reagiert bereits. Der europäische Referenzpreis TTF stieg am Freitag laut Trading Economics um 6 Prozent auf rund 104 Euro je Megawattstunde, ein Plus von mehr als 40 Prozent binnen eines Monats. Wie berichtet, hatte der Gaspreis erst kürzlich die Marke von 100 Euro geknackt, getrieben vom Krieg zwischen den USA und dem Iran und den Störungen in der Straße von Hormus.
Was ein Kälte-Winter für den Gaspreis heißt
Kälte bedeutet mehr Heizbedarf, und der wird in Europa zu einem großen Teil aus den Speichern gedeckt. Je früher und stärker sie angezapft werden, desto mehr teures Flüssiggas (LNG) muss Europa nachkaufen, und dabei konkurriert es mit Asien. „Die anhaltende Nachfrage aus Asien hat LNG-Ladungen von Europa weg und nach Asien verlagert“, sagt Martin Senior vom Analysehaus Argus Media laut Handelsblatt. Laut Prognosen, über die t-online berichtet, könnte der Gaspreis in einem sehr kalten Winter Anfang 2027 auf rund 130 Euro je Megawattstunde steigen.
Für Haushalte kommt das mit Verzögerung an. Wer einen Floater-Tarif hat, der sich am Börsenpreis orientiert, spürt jede Kältewelle sofort. Bei Fixpreisverträgen schlagen die höheren Einkaufspreise meist erst bei der nächsten Anpassung durch.
Warum Meteorolog:innen vor „Eiswinter“-Panik warnen
Ein früher Polarwirbel-Split ist allerdings noch lange kein Eiswinter. Ruhnau selbst nennt entsprechende Schlagzeilen „von vorn bis hinten totaler Schwachsinn“. Der Meteorologe Dominik Jung skizziert gegenüber t-online drei Szenarien: Die Kaltluft könnte nach Nordamerika oder Asien ausweichen, die Störung könnte in der Stratosphäre bleiben, oder sie erreicht tatsächlich Mitteleuropa und bringt Frost und Schnee bis ins Flachland. „Gesichert ist eine Schwächung. Wie stark sie ausfällt, ist offen“, sagt Jung. Die saisonalen Modelle zeigen für die kommenden Monate weiterhin überwiegend wärmere Temperaturen als im Schnitt, und der Wirbel erholt sich oft wieder bis Dezember oder Jänner.
Auch bei der Versorgung gibt es Entwarnung. „Man sollte nicht ausschließlich die Gasspeicherfüllstände betrachten“, sagt ein Sprecher des deutschen Wirtschaftsministeriums. Anders als 2022 kann Deutschland heute Gas über eigene LNG-Terminals und Pipelines aus Norwegen beziehen. Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, hielt die Versorgung im Winter schon im September für nicht gefährdet.

