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Wiener Startup Soma Reality bringt 2027 Eye-Tracking-Brille

Luchs Eyewear of Soma Reality. © Soma Reality
Luchs Eyewear of Soma Reality. © Soma Reality

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Das Wiener DeepTech-Startup Soma Reality bereitet den Schritt vom B2B-Geschäft ins Konsument:innen-Geschäft vor. Unter der Marke Luchs Eyewear will das Unternehmen 2027 eine eigene Brille auf den Markt bringen, die Augenbewegungen misst und daraus Rückschlüsse auf den kognitiven Zustand der Trägerin oder des Trägers zieht. Interessierte können sich vorerst auf eine Warteliste setzen lassen.

Die Brille von Luchs Eyewear zielt auf ein Feld, das bisher vor allem Forschungslabors und Spezialanwendungen vorbehalten war: Eye-Tracking als Fenster in den kognitiven Zustand. Gemessen werden laut Herstellerangaben unwillkürliche Augenbewegungen, also Blinzeln, Fixationen und die Reaktion der Pupille. Aus diesen Signalen sollen sich Muster ablesen lassen, die sich über Stunden, Tage und Wochen zu einem Bild der eigenen Aufmerksamkeit verdichten.

Was die Brille können soll

Vier Größen stehen dabei im Mittelpunkt: die kognitive Last, also wie viel mentale Anstrengung eine Tätigkeit kostet, die kognitive Ermüdung, die zeigen soll, was am stärksten auslaugt und wie die Erholung verläuft, die kognitive Leistungsfähigkeit sowie die Aufmerksamkeit selbst, aufgeschlüsselt danach, ob sie fokussiert bleibt oder fragmentiert. In einer begleitenden App sollen Nutzer:innen den Verlauf über die Zeit sehen und einzelne Phasen mit eigenen Labels versehen können, um die Daten in einen Kontext zu stellen.

Der Zweck, den das Startup dem Produkt gibt, ist Selbstbeobachtung im Alltag. Eye-Tracking wird seit Jahren in der chirurgischen Ausbildung, in der Luftfahrt und im militärischen Bereich eingesetzt, um Belastung und Wachsamkeit objektiv zu erfassen. Genau diese Methodik soll nun in eine Alltagsbrille wandern. Das Unternehmen verspricht ein Produkt ohne Prompts und ohne Abo-Modell: Man setzt die Brille auf, trägt sie, und die Auswertung läuft im Hintergrund.

Dazu kommt eine Forschungskomponente. Unter dem Namen Luchs baut das Startup nach eigenen Angaben eine Citizen-Science-Plattform für kognitive Gesundheit auf, gemeinsam mit Universitäten und Forschungseinrichtungen. Wer will, kann anonymisierte Daten freigeben und erhält im Gegenzug individuelle Benchmarks. Langfristiges Ziel ist es, eine Landkarte davon zu zeichnen, wie ein gesunder Geist im echten Leben funktioniert, und daraus Ansätze zur früheren Erkennung kognitiven Abbaus abzuleiten. Die Teilnahme ist als Opt-in angelegt.

Bewusst ohne Kamera

Ein Detail hebt das Wiener Produkt von den derzeit meistdiskutierten Smart Glasses ab: Luchs Eyewear verzichtet auf eine nach außen gerichtete Kamera. Die Sensorik blickt nach innen, auf die Augen der tragenden Person. Datenschutz sei die Grundlage des Produkts, heißt es seitens des Unternehmens, die Daten blieben Eigentum der Nutzer:innen, und selbst der Hersteller bekomme sie nur zu sehen, wenn das ausdrücklich freigegeben wird.

Diese Positionierung fällt in eine Phase, in der Kamerabrillen unter erheblichem öffentlichem Druck stehen. Metas Ray-Ban-Brillen haben sich zwar zum Verkaufserfolg entwickelt, gleichzeitig hat sich Kritik an heimlichen Aufnahmen aufgebaut. Ein polnischer Entwickler veröffentlichte kürzlich die App ZuckOff, die per Bluetooth erkennt, ob sich Meta- oder Snap-Brillen in der Nähe befinden, und davor warnt. Auslöser waren Berichte über manipulierte Aufnahme-LEDs, die verdeckte Mitschnitte ermöglichten. Meta hat darauf mit einem Sicherheitsupdate reagiert, das die Kamera deaktiviert, sobald an der LED manipuliert wird. Die Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation rät überhaupt zur Zurückhaltung beim Kauf. Vor diesem Hintergrund wirkt die Entscheidung des Wiener Startups, die Linse gar nicht erst einzubauen, wie ein bewusstes Gegenmodell.

Was Soma Reality generell macht

Soma Reality wurde 2019 in Wien gegründet, Gründer ist Adrian Brodesser. Das Unternehmen entwickelt Algorithmen, die aus Eye-Tracking-Daten in Echtzeit kognitive Zustände ableiten, und beschreibt sich selbst als weltweit erste vollständige Lösung für kognitive Insights, die allein auf Blickdaten beruht. Gegenüber Verfahren wie EEG ist der Ansatz nicht-invasiv, es braucht also keine am Kopf angebrachten Elektroden.

Die Software arbeitet hardwareagnostisch und lässt sich laut Unternehmen mit gängigen Eye-Tracking-Systemen am Markt kombinieren, etwa von Tobii, Pupil Labs oder ViewPointSystems. Fünf eigene Algorithmen stehen im Zentrum: kognitive Last auf Basis von Pupillometrie inklusive Kompensation wechselnder Umgebungshelligkeit, ein Conscious Perception Index, der zwischen bloßem Hinschauen und tatsächlichem Wahrnehmen unterscheidet, ein Attention Type Classifier für die Art der Aufmerksamkeit, ein Wert für kognitive Ermüdung sowie ein zusammenfassender Leistungsindex. Die Kalibrierung dauert nach Herstellerangaben unter zwei Minuten, ausgewertet wird in einem Dashboard namens Soma Aware.

Kund:innen kommen bisher vor allem aus Luftfahrt, Gesundheitswesen, Profisport und Forschung. Die Medizinische Universität Wien setzt die Technologie ein, um die kognitive Belastung in der chirurgischen Ausbildung zu bewerten, in der Luftfahrt geht es um die Anforderungen an Pilot:innen und die Optimierung von Trainingsprogrammen.

Finanziert hat sich das Startup bislang mit rund 5,6 Millionen Euro. Auf eine erste Runde über 1,5 Millionen Euro folgte eine Seed-Runde über 2,6 Millionen Euro, zuletzt kam eine überzeichnete Series A von mehr als 3 Millionen Euro dazu, angeführt vom rumänischen Investor Catalyst Romania. An Bord sind außerdem MT-Lab, RDY Ventures, Moondust Ventures, Gateway Ventures, Birdhouse Ventures und Startup Wise Guys sowie die Förderstellen FFG und aws. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen seit dem Markteintritt 2024 mehr als 2 Millionen Euro B2B-Umsatz erzielt und diesen zuletzt mehr als verdoppelt. Der Gang in den Endkund:innen-Markt mit Luchs Eyewear ist damit der nächste Schritt, neben dem Ausbau der B2B-Segmente und dem Start von Langzeitstudien zur kognitiven Gesundheit.

Ein österreichischer Vorläufer im Brillengeschäft

Ein heimisches Startup hat den Weg in den Brillenmarkt schon vor einigen Jahren versucht. Das Grazer Audio-Unternehmen USound gründete 2019 die Tochterfirma Fauna, die Brillen mit integrierten MEMS-Lautsprechern auf den Markt brachte. Die Modelle verbanden sich per Bluetooth mit dem Smartphone, spielten Musik ab und erlaubten Telefonate, ohne dass Kopfhörer sichtbar waren. Rund 250 Euro kostete eine solche Brille im Handel.

Dauerhaft etabliert hat sich das Produkt nicht. Wie Trending Topics berichtete, wurde die Tochter Ende 2024 wieder in die Muttergesellschaft zurückgeführt und die Fauna Audio GmbH schließlich aus dem Firmenbuch gelöscht. USound-CEO Ferruccio Bottoni ordnete das Kapitel im Rückblick klar ein: Fauna sei ein reines Marketingprojekt gewesen, mit dem Ziel, dem MEMS-Lautsprecher zum Marktdurchbruch und zu größeren B2B-Verträgen zu verhelfen. Nachdem das gelungen war, wurde das Konsumentenprodukt eingestellt, Restbestände gingen über eine Auktionsplattform weg. Das B2B-Geschäft von USound läuft weiter, die Lautsprecher stecken heute etwa in Smart Glasses für sehbeeinträchtigte Menschen.

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