Ukraine öffnet ihre KI-Kampfdaten für die Rüstungsindustrie
Trending Topics auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen.
Der wertvollste Datensatz der Rüstungswelt liegt in Kiew, und jetzt dürfen ihn erstmals Ausländer:innen nutzen. Das britische Verteidigungsministerium hat eine Partnerschaft mit „Avengers AI Labs“ geschlossen, der Plattform, mit der die Ukraine KI für ihre Kampfdrohnen trainiert. Es ist das erste Mal, dass die Ukraine einer fremden Regierung Zugang zu dieser Infrastruktur gewährt, berichtet Defense News.
Fünf Millionen Bilder vom Schlachtfeld
Avengers AI Labs ist die zentrale KI-Plattform des ukrainischen Verteidigungsministeriums. Was drinsteckt:
- Der Datensatz: Mehr als fünf Millionen annotierte Bilder vom Schlachtfeld, dazu Sensordaten mit Millionen erkannter Objekte, darunter Panzer, Artillerie, Luftabwehr, Infanterie, Shahed-Drohnen und Aufklärungsdrohnen.
- Die Quelle: Die Daten stammen vor allem aus DELTA, dem Lagebild-System der ukrainischen Armee, in das Drohnenaufnahmen von Zehntausenden Missionen einfließen.
- Der Zweck: Damit werden neuronale Netze trainiert, die Ziele am Boden und in der Luft automatisch erkennen. Das ist die Grundlage für Drohnen, die auch ohne Funkverbindung oder Satellitennavigation weiterfliegen und ihr Ziel finden.
Die Daten sind anonymisiert und werden mit Verzögerung freigegeben, um Soldat:innen an der Front nicht zu gefährden. Die britischen Firmen arbeiten in einer abgeschirmten Umgebung und können den Datensatz nicht herunterladen.
Was London davon hat
Das britische Verteidigungsministerium lädt bis zu ein Dutzend Unternehmen ein, Vorschläge einzureichen, wie sie die Plattform nutzen wollen. Besonders gefragt ist Technik, die auch bei gestörter Kommunikation und ohne GPS funktioniert, also genau das, was die russische elektronische Kriegsführung an der Front täglich erzwingt.
„Dieser weltweit erste Zugang zu echten Schlachtfelddaten wird es britischen Unternehmen ermöglichen, die Grenzen der Verteidigungsinnovation weiter zu verschieben“, sagt der britische Verteidigungsminister Wes Streeting. Vorausgegangen war ein KI-Abkommen, das Premierminister Andy Burnham und Präsident Wolodymyr Selenskyj im August in Kiew unterzeichnet hatten, wie wir damals berichtet haben. Die Absichtserklärung ist rechtlich nicht bindend und sieht zunächst Pilotprojekte vor, mit Leitplanken für Datenhoheit, geistiges Eigentum und Exportkontrollen.
Die Ukraine als Datenlieferantin
Für die Ukraine ist die Öffnung Teil einer Strategie. Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow hatte laut Militär Aktuell angekündigt, internationalen Partner:innen Zugang zu den Kampfdaten zu geben, und spricht von einem „weltweit einzigartigen Datensatz“. KI sei „ein entscheidender Faktor im technologischen Wettbewerb mit Russland“. Beobachter:innen sehen darin auch ein Angebot an westliche Rüstungsfirmen, die dringend echte Daten für ihre autonomen Systeme brauchen. Die USA hatten zuletzt weitere 307 Millionen US-Dollar (rund 264 Millionen Euro) an Militärhilfe freigegeben.
Europäische DefenseTech-Startups dürften den britischen Zugang genau beobachten. Quantum Systems aus Bayern liefert seine Vector-Aufklärungsdrohnen seit Jahren in die Ukraine, fertigt dort inzwischen selbst und baut mit dem ukrainischen Hersteller Frontline Robotics eine gemeinsame Produktion in Deutschland auf. Helsing aus München liefert nach eigenen Angaben monatlich mehrere hundert HX-2-Kampfdrohnen an die Ukraine, allerdings gab es Anfang des Jahres Berichte über Probleme mit russischer Störtechnik und der versprochenen KI-Steuerung, die das Unternehmen zurückwies. Genau für solche Fälle sind die ukrainischen Trainingsdaten gedacht. Wer als Nächstes drankommt, ist offen. Die Ukraine hat ihre KI-Trainingsdaten schon früher mit Verbündeten geteilt, die Plattform selbst öffnet sie aber erstmals.

