Interview

„Wenn Technologie nicht wettbewerbsfähig ist, hilft auch ‚Made in Europe‘ nicht“

Two eleQtron founders in lab coats looking at a quantum computing setup in a lab
The eleQtron founders in the lab. © sichtplan.de

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Wer auf den einen Quantencomputer wartet, der alle klassischen Rechner ersetzt, wird bei Jan Henrik Leisse enttäuscht. Der CEO und Mitgründer von eleQtron hält wenig von großen Versprechen, obwohl sein Unternehmen zu den bestfinanzierten Quanten-Startups Europas zählt. Das Spin-off der Universität Siegen hat eine Series A über 57 Millionen Euro eingesammelt, angeführt von Schwarz Digits, der IT-Sparte hinter Lidl und Kaufland, und dem EIC Fund. Statt mit Lasern steuert eleQtron die Ionen in seinen Quantencomputern mit Mikrowellen, gemeinsam mit der Forschungsfabrik Mikroelektronik baut das Unternehmen eine eigene Chipfertigung auf.

Auch die Konkurrenz rüstet auf: Das britische Startup Universal Quantum, das ebenfalls auf Ionenfallen setzt, hat kürzlich eine Rekord-Series-A über 100 Millionen Dollar geholt. Im Interview spricht Leisse darüber, was Quantencomputer tatsächlich bringen werden, wo der Hype übertreibt, warum Banken schon jetzt auf Post-Quanten-Kryptografie umstellen sollten und ob eleQtron für die nächste Runde US-Kapital braucht.

Was Quantencomputer bringen und wo der Hype beginnt

Was werden Quantencomputer den Menschen tatsächlich bringen? Nennen Sie uns bitte die drei Anwendungen, an die Sie selbst am festesten glauben, und sagen Sie dazu, wann sie kommen.

Jan Henrik Leisse: Erstens: Materialien und Chemie. Quantencomputer können hochkomplexe Zusammenhänge wie Moleküle auf eine Art simulieren, die klassischen Rechnern extrem schwerfällt. Das kann beispielsweise bei neuen Materialien, Katalysatoren, Batterien oder chemischen Prozessen relevant werden.

Zweitens: Pharma und Wirkstoffentwicklung. Auch hier geht es darum, molekulare Wechselwirkungen besser zu verstehen und damit Entwicklungsprozesse langfristig gezielter zu machen.

Drittens: komplexe Optimierungsprobleme, beispielsweise in Logistik, Energie oder industriellen Prozessen.

Bei den Zeitangaben bin ich bewusst vorsichtig. In den kommenden Jahren werden wir zunehmend hybride Anwendungen sehen, bei denen Quantencomputer einzelne Teile eines Problems übernehmen und klassische Rechner den Rest. Wann daraus bei einem bestimmten Use Case ein eindeutiger kommerzieller Vorteil entsteht, kann heute niemand seriös auf ein bestimmtes Jahr festlegen. Viele halten den Zeitraum bis Anfang der 2030er Jahre für entscheidend für den Übergang von Experimenten zu ersten wirtschaftlich relevanten Anwendungen. Das halte ich für realistisch.

Wo sehen Sie im Quantencomputing heute den größten Hype, also die Versprechen, bei denen Sie selbst die Augen verdrehen?

Jan Henrik Leisse: Oft herrscht die Vorstellung, dass irgendwann „der Quantencomputer“ kommt und plötzlich alle klassischen Computer ersetzt. Das wird nicht passieren. Ein Quantencomputer ist ein Spezialwerkzeug. Für sehr viele Aufgaben wird ein klassischer Supercomputer weiterhin die bessere Maschine sein. Außerdem bin ich skeptisch bei sehr präzisen Vorhersagen wie: In Jahr X wird Quantencomputing Problem Y lösen. Wir machen enorme Fortschritte, aber es gibt noch erhebliche wissenschaftliche und technische Herausforderungen. Dass wir morgen mit einem Quantencomputer ein Medikament gegen Krebs finden, ist leider unrealistisch. Glaubwürdigkeit ist für unsere Branche gerade wichtiger als das spektakulärste Versprechen.

Wie ernst ist das Thema „Harvest now, decrypt later“ für Banken und Behörden? Wann muss ein europäisches Unternehmen spätestens auf Post-Quanten-Kryptografie umgestellt haben?

Jan Henrik Leisse: Sehr ernst, und vor allem ist das kein Problem, das erst an dem Tag beginnt, an dem ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer existiert. „Harvest now, decrypt later“ bedeutet, dass verschlüsselte Daten heute abgefangen und gespeichert werden, um sie später zu entschlüsseln. Bei Informationen, die zehn oder zwanzig Jahre vertraulich bleiben müssen, beginnt das Risiko also bereits heute. Deshalb sollte kein Unternehmen darauf warten, dass jemand den sogenannten Q-Day verkündet. Die Migration großer IT-Landschaften dauert Jahre. Unternehmen sollten heute ihre kryptografischen Abhängigkeiten erfassen, priorisieren und eine Migrationsstrategie für Post-Quanten-Kryptografie entwickeln. Für Banken, Behörden und Betreiber kritischer Infrastruktur ist das besonders dringend. Die europäischen Sicherheitsbehörden treiben diese Migration bereits voran. Das ist eine Cybersecurity-Aufgabe, die heute begonnen werden muss, unabhängig davon, wann genau ein kryptografisch relevanter Quantencomputer verfügbar sein wird.

Wo sehen Sie im Quantencomputing derzeit die Weltspitze?

Jan Henrik Leisse: Es gibt derzeit nicht DIE eine Weltspitze. Je nachdem, welche Kennzahl und welche Architektur man betrachtet, sieht die Antwort anders aus. Die USA haben klare Vorteile bei Kapital, großen Technologieunternehmen und der Geschwindigkeit, mit der Technologien skaliert werden können. Gleichzeitig gibt es weltweit sehr unterschiedliche starke Hardwareansätze, von supraleitenden Qubits über Ionenfallen bis zu neutralen Atomen und photonischen Systemen. Europa ist wissenschaftlich und technologisch sehr stark, insbesondere auch bei Ionenfallen. Die entscheidende Frage der nächsten Jahre wird sein, ob wir diese Stärke in industrielle Unternehmen und skalierbare Produkte übersetzen können. Genau dort wird das Rennen entschieden.

Mikrowellen statt Laser

eleQtron setzt auf Ionen per Mikrowelle statt per Laser. Erklären Sie bitte für unsere Leser:innen ohne Physikstudium: Was ist der praktische Unterschied?

Jan Henrik Leisse: Wir nutzen für unseren Ionenfallen-Quantencomputer einzelne geladene Atome (Ionen) als Qubits. Diese müssen präzise kontrolliert werden. Viele Ionenfallen-Ansätze verwenden dafür komplexe Lasersysteme. Wir nutzen mit unserer MAGIC-Technologie Mikrowellen zur Kontrolle und Steuerung unserer Qubits. Mikrowellentechnik lässt sich sehr gut miniaturisieren und ist aus der klassischen Elektronik seit Jahrzehnten bekannt.

Der praktische Vorteil zeigt sich dann beim Skalieren: Wenn aus wenigen Qubits sehr viele werden sollen, benötigen wir nicht für jedes zusätzliche Qubit immer komplexere optische Systeme. Unser Ziel ist zudem, einen wachsenden Teil dieser Kontrolle auf Chips zu integrieren. Vereinfacht gesagt: Unsere Technologie ermöglicht es uns, aus einem komplexen Physikaufbau eine skalierbare Architektur zu machen.

Mit der Forschungsfabrik Mikroelektronik (Fraunhofer ENAS und ISIT) bauen Sie eine skalierbare Chipfertigung auf. Wie viele Quantenchips wollen Sie damit pro Jahr produzieren, und ab wann?

Jan Henrik Leisse: Wir sind hier noch nicht an dem Punkt, an dem eine Stückzahl pro Jahr die sinnvollste Kennzahl wäre. Derzeit geht es darum, die Herstellungsprozesse zu entwickeln und zu qualifizieren und unsere Ionenfallenarchitektur vom Laboraufbau in reproduzierbare Wafer- und Chipprozesse zu überführen. Ein wichtiger Schritt ist bereits gelungen: Fraunhofer ISIT hat eine Ionenfalle auf Glassubstrat mit integrierten Mikromagneten auf Wafer-Level hergestellt und an uns übergeben. Genau solche Fertigungsschritte müssen reproduzierbar werden, bevor man seriös über Stückzahlen einer Serienproduktion spricht.

Lieferketten und Souveränität

Wie abhängig sind Sie in der Lieferkette von außereuropäischen Zulieferern, etwa bei Vakuumtechnik, Elektronik oder Kryokomponenten? Gibt es einzelne Bauteile, bei denen eine Exportbeschränkung Sie ernsthaft treffen würde?

Jan Henrik Leisse: Quantencomputer sind komplexe Systeme mit sehr spezialisierten Komponenten, und selbstverständlich gibt es da internationale Lieferketten. Für uns ist es entscheidend, strategisch relevante Komponenten aus europäischen Lieferketten zu beziehen.

Bei einzelnen unkritischeren Komponenten greifen wir derzeit auch auf außereuropäische Hersteller zurück. Wir sehen derzeit keine einzelne außereuropäische Komponente als strukturelle Abhängigkeit unserer Roadmap und arbeiten bei strategischen Komponenten gezielt an europäischen Lieferketten und Alternativen.

„Souveränität“ ist derzeit das Verkaufsargument schlechthin. Ehrlich gefragt: Kaufen Kund:innen bei Ihnen, weil die Technologie besser ist, oder weil sie europäisch ist?

Jan Henrik Leisse: Wenn Technologie nicht wettbewerbsfähig ist, hilft auch „Made in Europe“ auf Dauer nicht. Unsere Technologie muss sich an Leistung, Zuverlässigkeit und Skalierbarkeit messen lassen. Das ist die Eintrittskarte. Dass wir diese Technologie in Europa entwickeln und perspektivisch auch produzieren können, ist für unsere aktuellen und potenziellen Kunden zusätzlich relevant, insbesondere dort, wo es um kritische Infrastruktur, sensible Daten oder langfristige technologische Abhängigkeiten geht. Souveränität ist für mich deshalb kein Ersatz für technologische Qualität. Sie ist ein zusätzlicher Aspekt einer wettbewerbsfähigen Technologie.

Neue Führung und die nächste Finanzierungsrunde

Mitgründer Christof Wunderlich hat sich kürzlich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, Sie führen jetzt gemeinsam mit Michael Johanning. Was ändert sich dadurch an der Ausrichtung des Unternehmens, und wie teilen Sie beide die Verantwortung auf?

Jan Henrik Leisse: Christof Wunderlich hat mit seiner wissenschaftlichen Arbeit die technologische Grundlage geschaffen, auf der eleQtron entstanden ist, und das Unternehmen über viele Jahre entscheidend geprägt. Im Juli 2025 hat er sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, bleibt eleQtron aber weiterhin verbunden und als Gesellschafter involviert. An unserer Grundausrichtung als Unternehmen hat das nichts verändert, zumal Michael Johanning, der aus dem Lehrstuhl von Christof Wunderlich stammt, die technologischen Grundlagen nahtlos weiterführt.

Was sich verändert hat, ist die Phase des Unternehmens. Wir kommen aus einer wissenschaftlich und forschungsnah geprägten Gründungsphase und bewegen uns nun immer stärker in Richtung Industrialisierung, Produktion und Marktzugang.

Michael Johanning und ich ergänzen uns sehr gut. Michael verantwortet als CTO insbesondere die technologische Entwicklung und unsere Hardware-Roadmap. Mein Schwerpunkt als CEO liegt stärker auf Unternehmensentwicklung, Finanzierung, Partnerschaften, Kunden und Organisation. Zentrale strategische Entscheidungen treffen wir natürlich gemeinsam.

Wie lange reicht die Runde, und mit welcher Größenordnung und welchem Zeitpunkt planen Sie eine Series B? Kommen Sie um US-Kapital herum, wenn die Runden dreistellig werden?

Jan Henrik Leisse: Die Series A finanziert die nächsten Schritte bei Technologie, Produktion und Marktzugang. Dazu gehört insbesondere ein starkes Cloud-Angebot, über das wir mit Industriekunden an attraktiven Anwendungsfällen arbeiten können. Eine konkrete Aussage zur finanziellen Reichweite veröffentlichen wir aus Verhandlungsgründen nicht.

Wir erwarten, dass eine Series B deutlich größer ausfallen wird als die Series A. Ihren Start richten wir an den nächsten Technologie- und Kommerzialisierungsmeilensteinen aus; entschieden ist er noch nicht. Über ein konkretes Volumen und den Zeitpunkt sprechen wir, wenn wir den Prozess starten. Investorenanfragen erhalten wir laufend, und wir führen auch außerhalb formaler Finanzierungsrunden Gespräche.

Diese Anfragen kommen aus aller Welt, auch aus den USA. Wir sprechen mit internationalen Investoren. Unser Ziel ist ein global erfolgreiches Technologieunternehmen mit europäischer Basis. Dafür brauchen wir einen ausgewogenen Gesellschafterkreis, der diese Ambition teilt und neben Kapital auch Netzwerk, Skalierungserfahrung und Marktzugang einbringt. Die Herkunft eines Investors ist dabei ein wichtiges Kriterium unter mehreren. Ob wir US-Kapital benötigen, lässt sich heute nicht seriös vorwegnehmen.

In den USA sind Quanten-Unternehmen an der Börse teils zweistellige Milliardenbeträge wert, bei überschaubaren Umsätzen. Ist das eine Blase, und wie sehr hilft oder schadet Ihnen diese Bewertungslage in Europa?

Jan Henrik Leisse: Die Bewertungen sind vor allem eine Wette auf die Zukunft. Wer Quantenunternehmen ausschließlich an heutigen Umsätzen und klassischen Industrie-Multiples misst, erfasst ihr langfristiges Wertschöpfungspotenzial nur begrenzt. Hohe Bewertungen spiegeln Erwartungen an dieses Potenzial wider; sie garantieren aber weder technologischen noch wirtschaftlichen Erfolg.

Für Europa kann das Interesse an der Branche helfen, Kapital und Aufmerksamkeit für eine wichtige Wachstumsindustrie zu mobilisieren. Zugleich müssen Erwartungen und tatsächlicher Fortschritt zusammenpassen. Volatile Börsenkurse sind dafür kein verlässlicher Maßstab.

Wir orientieren uns an unserer langfristigen Vision und konkreten Fortschritten: Wie verbessern wir die Leistung unserer Hardware? Wie industrialisieren wir unsere Skalierungsvorteile? Wie zuverlässig liefern und betreiben wir unsere Systeme? Wie zufrieden sind unsere Kunden? Und welchen wirtschaftlichen Nutzen können Anwender erzielen? Daran wird sich langfristig zeigen, welche Erwartungen gerechtfertigt waren.

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