Börsengang

Woher 75 Milliarden Dollar nehmen? SpaceX lockt Kleinanleger in den größten IPO

Elon Musk. © World Economic Forum
Elon Musk. © World Economic Forum

Elon Musks Raketenbauer plant mit 75 Milliarden Dollar den größten Börsengang der Geschichte, und holt sich dafür gezielt die Privatanleger ins Boot. Eine eigene IPO-Website, fünf Broker und sehr niedrige Einstiegshürden sollen die Masse mobilisieren.

Am Donnerstag ging unter spacexipo.com eine eigene Website für das größte Börsendebüt des Jahres online. Der Auftritt ist so nüchtern wie das Versprechen groß ist: „Building the infrastructure of the future“. Neben dem Prospekt und einem Investoren-FAQ stellt SpaceX dort auch die Roadshow-Präsentation öffentlich zur Verfügung – jene Folien, mit denen Finanzchef Bret Johnson normalerweise hinter verschlossenen Türen die großen Fonds bearbeitet. Dass diese Materialien frei einsehbar sind, ist bereits Teil der Botschaft: Hier soll nicht nur die Wall Street mitspielen dürfen.

Die Eckdaten machen klar, warum SpaceX die breite Masse braucht. Das Unternehmen will rund 555,5 Millionen Aktien zu je 135 Dollar ausgeben und damit 75 Milliarden Dollar einsammeln – ein Rekord für einen Börsengang. Gehandelt werden soll unter dem Kürzel SPCX an der Nasdaq, der Preis wird voraussichtlich am 11. Juni festgelegt, der erste Handelstag ist für den 12. Juni angesetzt. Bemerkenswert: Die ausgegebenen Anteile entsprechen nur etwa 4,2 Prozent des Unternehmens. Die restlichen knapp 96 Prozent bleiben bei Musk und anderen Insidern. Bei einer angepeilten Bewertung von rund 1,75 Billionen Dollar wäre SpaceX damit auf einen Schlag mehr wert als Saudi Aramco, Meta oder Tesla.

Fünf Broker statt Wall-Street-Klüngel

Der eigentliche Hebel für die Retail-Offensive sind fünf Online-Broker: SoFi, Robinhood, E*Trade, Schwab und Fidelity. Über diese Plattformen können Privatanleger Aktien zeichnen – und zwar, das ist der entscheidende Punkt, zum gleichen Ausgabepreis und zur gleichen Zeit wie institutionelle Großinvestoren. Im klassischen IPO-Verfahren bekommen Kleinanleger meist nur Reste ab und müssen die Aktie erst nach dem Handelsstart kaufen, oft zu deutlich höheren Kursen. Die täglichen Nachfragedaten der fünf Plattformen fließen direkt an die Underwriter zurück; den US-Retail-Teil koordiniert die Bank of America.

Wie viel am Ende tatsächlich an Privatanleger geht, ist noch offen und hängt von der Nachfrage ab. Klar ist aber die Größenordnung: Während bei großen Börsengängen historisch nur 5 bis 10 Prozent der Aktien an Retail-Kunden gehen, könnten es bei SpaceX laut Financial Times bis zu einem Viertel werden; Reuters hatte zuvor sogar von bis zu 30 Prozent berichtet. Das wären bei diesem Volumen leicht 20 Milliarden Dollar oder mehr – eine Summe, die die fünf Plattformen mit zusammen über 10 Billionen Dollar an verwalteten Kundenvermögen verkraften dürften.

Die fünf Online-Broker sind allerdings nicht der einzige Weg zu SpaceX-Aktien. Hinter dem Deal steht ein Syndikat aus rund 21 Banken, über deren Brokerage- und Wealth-Management-Konten ebenfalls gezeichnet werden kann – darunter die fünf US-Konsortialführer Goldman Sachs, Morgan Stanley, Citigroup, JPMorgan und Bank of America sowie europäische Häuser wie Deutsche Bank, UBS, ING und Barclays. Die Rollen sind dabei regional aufgeteilt: Barclays betreut laut Bloomberg die Order aus Großbritannien, Deutsche Bank und UBS Kontinentaleuropa, die Royal Bank of Canada den kanadischen, Mizuho den asiatischen Markt. Wer also ein Depot bei einer dieser Banken führt, kann grundsätzlich ebenfalls Anteile ordern.

Entscheidend ist aber, an wen sich diese Kanäle richten. Während Robinhood und SoFi auf Kleinanleger mit teils nur dreistelligen Beträgen zielen (und dort per Verlosung zugeteilt wird), bearbeiten die Syndikatsbanken vor allem vermögende Privatkunden, Family Offices und Private-Banking-Mandate in ihren Heimatmärkten. JPMorgan-Chef Jamie Dimon etwa soll den Deal persönlich rund 2.500 wohlhabenden Kunden präsentiert haben, und E*Trade bevorzugt bei der internen Zuteilung Berichten zufolge die Ultra-High-Net-Worth-Klientel der Mutter Morgan Stanley. Der Zugang über die großen Banken existiert also – er führt nur eher über das gehobene Vermögenssegment als über das Kleinanleger-Depot.

Niedrige Hürden, klare Ansage

Auch bei den Einstiegsbedingungen wird gelockt. Fidelity senkt die Mindesteinlage für SpaceX auf 2.000 Dollar – deutlich weniger als die sonst üblichen 100.000 bis 500.000 Dollar bei begehrten IPOs. Robinhood, SoFi und E*Trade verlangen gar keine Mindestsumme im Depot. Lediglich Schwab bleibt mit 100.000 Dollar an Depotvermögen anspruchsvoller. Wer zu schnell wieder verkauft, wird allerdings gebremst: Bei Fidelity kann ein „Flipping“ – der Verkauf innerhalb von 15 Tagen – künftige IPO-Teilnahmen sperren.

Hinter all dem steht eine klare Philosophie Musks. Schon 2020 versprach er, Privatanleger bei einem SpaceX-Listing mit „Top-Priorität“ zu behandeln; bei Tesla ist er der einzige Chef, der bei Earnings Calls die Fragen der Kleinanleger vorzieht. „Elons Philosophie dreht sich um breiten Zugang, deshalb will er Retail dabeihaben“, zitiert die FT eine mit dem Vorgang vertraute Person. Das Kalkül geht bei Tesla bislang auf: Dort halten Privatanleger rund 42 Prozent des Streubesitzes und stützen den Kurs auch dann, wenn das Wachstum stockt.

Warum das Geld von der Masse kommen muss

Die Retail-Strategie ist mehr als Ideologie – sie ist eine Notwendigkeit. Ein Rekordvolumen von 75 Milliarden Dollar verlangt nach einer entsprechend breiten Kapitalbasis, zumal mit OpenAI und Anthropic noch in diesem Jahr zwei weitere milliardenschwere KI-Börsengänge anstehen, die um dieselben institutionellen Mittel konkurrieren. Die Privatanleger sind damit nicht nur ideologisches Beiwerk, sondern eine handfeste Nachfragequelle. Bei IPOs kommen üblicherweise 5 bis 10 Prozent von Retail-Investoren, bei SpaceX sollen es 25 bis 30 Prozent werden.

Genau hier setzt aber auch die Skepsis an. Profitabel ist bislang nur das Connectivity-Geschäft rund um Starlink (zuletzt 1,19 Milliarden Dollar Quartalsgewinn bei 10,3 Millionen Abonnenten), während die Raketensparte und vor allem die KI-Einheit xAI tief in den roten Zahlen stecken. Hinzu kommt, dass der durchschnittliche Umsatz pro Starlink-Nutzer von etwa 99 Dollar (2023) auf rund 66 Dollar (Q1 2026) gefallen ist – ein Minus von einem Drittel, das der Prospekt explizit fortschreibt. Die Story, die SpaceX dem Markt verkauft, reicht dafür weit ins Visionäre: orbitale Rechenzentren, billigere KI-Compute im All, ein „adressierbarer Markt“ von angeblich 28,5 Billionen Dollar.

Wer kauft, sollte zudem das „Max Q“ im Blick behalten – jenen Moment maximaler struktureller Belastung, den Morningstar für die Monate nach dem IPO erwartet, wenn die 180-tägige Sperrfrist für Insider rund um Dezember 2026 ausläuft und Altaktionäre verkaufen können. SpaceX selbst warnt im Prospekt vor volatilen Kursausschlägen durch die hohe Retail-Beteiligung.

Experten warnen vor massiver Überbewertung

So verlockend der Zugang gemacht wird – kurz vor dem Listing mehren sich die Stimmen, die SpaceX für massiv überbewertet halten. Bei einem konsolidierten Jahresumsatz von 18,7 Milliarden Dollar (2025) und einem GAAP-Nettoverlust von 4,9 Milliarden Dollar entspricht die angepeilte Bewertung einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 94 – mehr als selbst die heißesten privaten KI-Startups aufrufen und ein Vielfaches der teuersten börsennotierten Tech-Konzerne.

Morningstar nahm Anfang Juni die Coverage auf und beziffert den fairen Wert auf rund 780 Milliarden Dollar – weniger als die Hälfte des IPO-Ziels. Analyst Nicolas Owens nennt das Unternehmen „erheblich überbewertet“ und rät Anlegern, eher nach dem Börsengang zu günstigeren Kursen einzusteigen. Sein Discounted-Cashflow-Modell taxiert das Kerngeschäft aus Raketenstarts und Starlink auf rund 611 Milliarden Dollar, für die KI-Sparte addiert er wahrscheinlichkeitsgewichtet weitere rund 170 Milliarden. Gerade dieser KI-Teil ist umstritten: Morningstar sieht xAIs Chatbot Grok nicht unter den führenden Anbietern und verweist auf die Konkurrenz von OpenAI und Anthropic sowie auf unerprobte Technologien wie orbitale Rechenzentren. SpaceX erhielt nur ein „Narrow Moat“-Rating – einen anerkannten, aber engen Wettbewerbsvorteil. Kurzfristig könne die Aktie wegen des geringen Streubesitzes und der starken Bankensyndikate dennoch steigen.

Noch deutlicher wird der dänische Pensionsfonds AkademikerPension (rund 25 Milliarden Dollar verwaltetes Vermögen), der SpaceX auf eine Ausschlussliste gesetzt hat und weder am IPO noch am Sekundärmarkt teilnimmt. Anlagechef Anders Schelde nennt das Unternehmen „grob überbewertet“, beziffert die Überbewertung auf mindestens 80 Prozent und hält einen fairen Wert von über einer Billion Dollar für ausgeschlossen – die angepeilte Bewertung sei „reine Fantasie“, getrieben von Musks Narrativ statt von wirtschaftlicher Realität. Hauptgrund für den Ausschluss ist allerdings die Governance: Musk soll mehr als 80 Prozent der Stimmrechte halten und zugleich als CEO, CTO und Verwaltungsratschef fungieren. Der Fonds steht damit nicht allein – die Chefs von CalPERS, des New York City Retirement Systems und des New York State Common Retirement Fund (zusammen über eine Billion Dollar) hatten Musk eine „extreme“ Governance-Struktur vorgeworfen.

Und schließlich meldet sich Michael Burry zu Wort, durch „The Big Short“ und seine Wette gegen die Immobilienblase 2008 bekannt. Auf seinem Substack „Cassandra Unchained“ argumentiert er, aus den IPO-Unterlagen lasse sich weder eine Bewertung von einer noch von zwei Billionen Dollar ableiten – jeder Anstieg beruhe auf „Hype und technischen Faktoren“. Burry, der zuletzt Wetten gegen Nvidia und Palantir offenlegte, zweifelt auch daran, dass Anthropic je eine Billion Dollar wert sein werde, und vergleicht die anstehenden IPOs von SpaceX, OpenAI und Anthropic mit dem TMT-Börsenboom des Jahres 2000.

Zur Einordnung: Selbst Morningstars fairer Wert entspräche noch dem rund 42-Fachen des Jahresumsatzes. Das teuerste Mitglied der „Magnificent 7″ gemessen am Umsatzmultiple – Nvidia, getrieben vom KI-Boom – kommt auf etwa das 21-Fache. SpaceX will also zum rund Viereinhalbfachen davon an die Börse. Genau diese Lücke zwischen Vision und Kennzahlen ist es, die Privatanleger einpreisen, wenn sie über Robinhood, SoFi oder ihr Bankdepot zeichnen.

SpaceX IPO: Experten warnen vor massiver Überbewertung

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