Börsengang

Anthropic macht 16,8 Milliarden Dollar Umsatz in nur einem Quartal

Anthropic CEO Dario Amodei. © WEF / Trending Topics
Anthropic CEO Dario Amodei. © WEF / Trending Topics

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Vor einem Jahr hätte Anthropic für diesen Umsatz noch fast vier Jahre gebraucht, jetzt reicht ein Quartal. Der Claude-Hersteller hat im dritten Quartal 2026 rund 16,8 Milliarden Dollar (etwa 15 Milliarden Euro) umgesetzt, berichtet Bloomberg. Die Zahlen präsentierte das Management soeben potenziellen Investor:innen in der Firmenzentrale in San Francisco, wenige Wochen vor dem geplanten Börsengang. Anthropic selbst wollte die Finanzdaten nicht kommentieren.

Die Zahlen im Überblick

Laut den Berichten von Bloomberg und Financial Times sieht die Entwicklung so aus:

  • Umsatz 2025: rund 4,6 Milliarden Dollar für das gesamte Jahr
  • Erstes Quartal 2026: rund 4,8 Milliarden Dollar
  • Zweites Quartal 2026: rund 11,5 Milliarden Dollar
  • Drittes Quartal 2026: rund 16,8 Milliarden Dollar, ein Plus von etwa 46 Prozent gegenüber dem Vorquartal
  • Hochgerechneter Jahresumsatz: rund 67 Milliarden Dollar (etwa 60 Milliarden Euro), gemessen am dritten Quartal
  • Bereinigte Bruttomarge: rund 85 Prozent
  • Bereinigte operative Marge: mehr als 11 Prozent

Damit war Anthropic laut eigenen Angaben gegenüber den Investor:innen das zweite Quartal in Folge auf bereinigter Basis profitabel und erzielte einen positiven Cashflow. Pro Dollar, den das Unternehmen für Rechenleistung ausgibt, kamen im dritten Quartal rund 1,70 Dollar an Umsatz herein. Zum Vergleich: 2025 hatte Anthropic noch einen operativen Verlust von mehr als 8 Milliarden Dollar geschrieben, wie aus dem Börsenprospekt hervorgeht.

Was „bereinigt“ bei Anthropic heißt

Der Begriff „bereinigt“ ist der heikelste Punkt in Anthropics Zahlenwerk. Laut Berichten von Financial Times und MarketWatch klammert die Kennzahl gleich drei große Kostenblöcke aus:

  • Trainingskosten: Die Bruttomarge von rund 85 Prozent wird vor den Kosten für das Training neuer Modelle berechnet. Die Marge zeigt also, was Anthropic an bereits fertigen Modellen verdient, die Entwicklung der nächsten Claude-Generation ist darin nicht eingerechnet. Gerade das Training ist aber einer der größten Kostenblöcke jedes KI-Labors.
  • Aktienbasierte Vergütung: Den Wert der Aktien, mit denen Anthropic seine Forscher:innen und Entwickler:innen statt mit Gehalt bezahlt, rechnet das Unternehmen heraus. In der Branche, in der Top-Talente Millionenpakete erhalten, ist das ein erheblicher Posten.
  • Anteile der Cloud-Partner: Auch der Anteil, den Amazon und andere Partner für den Weiterverkauf von Claude über ihre Cloud-Plattformen einbehalten, ist in der Bruttomarge nicht abgezogen.

Kritiker:innen bringen es entsprechend zugespitzt auf den Punkt: Anthropic sei profitabel, wenn man die Kosten für den Bau von Claude ignoriere, so der Tenor eines vielzitierten Kommentars. Wie hoch die ausgeklammerten Beträge sind, hat Anthropic nicht offengelegt. Bereinigte Kennzahlen sind bei Börsengängen zwar üblich, die US-Börsenaufsicht verlangt im Prospekt aber eine Überleitung auf die Zahlen nach den offiziellen Rechnungslegungsstandards. Erst dann wird sichtbar, wie groß die Lücke tatsächlich ist.

Was das für den Börsengang bedeutet

Die neuen Zahlen sind vor allem eines: ein Verkaufsargument. Laut Bloomberg könnte die offizielle Vermarktung der Aktie bereits in der Woche ab dem 9. November starten, der Handel noch vor Thanksgiving beginnen. Die Pläne gelten aber als nicht endgültig. Potenzielle Investor:innen nannten eine Bewertung von 1,8 bis 2 Billionen Dollar (etwa 1,6 bis 1,8 Billionen Euro). Bei der Finanzierungsrunde im Mai war Anthropic noch mit rund 965 Milliarden Dollar bewertet worden.

Rechnet man mit dem hochgerechneten Jahresumsatz von rund 67 Milliarden Dollar, entspräche eine Bewertung von 2 Billionen Dollar etwa dem 30-Fachen des Umsatzes. Ein solcher Multiplikator lässt sich nur rechtfertigen, wenn das Wachstum über Jahre anhält. Ähnliche Erwartungen spiegeln sich schon jetzt in den Pre-IPO-Produkten wider, über die Anleger:innen auf Anthropic wetten können, etwa die ETPs von 21shares an der Wiener Börse.

Für Anthropic kommen die Zahlen zum richtigen Zeitpunkt. Der Konkurrent OpenAI hat seine eigenen Börsenpläne vorerst auf Eis gelegt, und zuletzt sorgten Berichte, wonach OpenAIs Umsatz deutlich unter den Erwartungen liegt, für Kursverluste bei KI-Aktien. Anthropic kann sich gegenüber Investor:innen damit als der finanziell stärkere der beiden großen KI-Pioniere präsentieren.

Die Gegenposition: Bereinigt ist nicht profitabel

Neben den bereinigten Kennzahlen gibt es weitere Unsicherheiten. Eine vollständige Gewinn- und Verlustrechnung für das dritte Quartal liegt nicht vor, die Zahlen stammen aus einer Präsentation und sind weder geprüft noch öffentlich in einem Börsenprospekt dokumentiert. Zudem verbucht Anthropic Umsätze, die über die Cloud-Plattformen von Amazon und Google laufen, auf Bruttobasis, was den Vergleich mit OpenAI erschwert.

Auch das Wachstum verlangsamt sich: Im zweiten Quartal hatte sich der Umsatz gegenüber dem Vorquartal noch mehr als verdoppelt, im dritten Quartal waren es rund 46 Prozent. Dem stehen Verpflichtungen für Cloud, Chips und Infrastruktur von mehr als 500 Milliarden Dollar über die kommenden Jahre gegenüber. Fällt das Wachstum schwächer aus oder sinken die Preise für KI-Modelle, könnte das den Cashflow belasten. Laut Börsenprospekt kam zudem fast ein Viertel des Umsatzes im Vorjahr von nur zwei Kund:innen.

Dass der Markt für KI-Börsengänge kein Selbstläufer ist, zeigte zuletzt der australische Rechenzentrumsbetreiber Firmus, der seinen geplanten Börsengang über 30 Milliarden Dollar abgesagt hat.

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