„China wollte Taiwan schon lange vor dem Erfolg unserer Chipindustrie“
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Es ist eigentlich skurril: Mit einem Marktanteil von rund 70 Prozent fertigt TSMC praktisch jeden fortschrittlichen KI-Chip der Welt, jene für Nvidia ebenso wie jene für Apple, Broadcom, Google oder Amazon. Wenn es aber um die KI-Modelle geht, die auf diesen Chips trainiert werden, spielt die kleine Insel vor der Küste Chinas überhaupt keine Rolle.
Und das alles unter permanentem Druck aus Peking. Bis Anfang August 2026 sind laut dem Taiwan Security Monitor rund 1.200 chinesische Militärflugzeuge in Taiwans Luftverteidigungszone eingedrungen, dazu kamen etwa 1.500 Sichtungen von Kriegsschiffen und mehr als 20 Vorfälle mit der Küstenwache rund um Kinmen und Dongsha. Taiwans Antwort darauf ist eine eigene Defense-Tech-Industrie, ausdrücklich als „non red supply chain“ ohne chinesische Komponenten aufgebaut: Das Verteidigungsbudget soll 2027 erstmals über drei Prozent des BIP liegen (rund 30 Milliarden Euro), davon etwa 1,1 Milliarden Euro allein für Drohnen.
Bei Software sieht die Sache anders aus. Startups in Taiwan greifen genauso auf KI-Modelle aus den USA oder China zurück wie europäische, obwohl es diese Modelle ohne die Chips aus Taiwan gar nicht gäbe. Warum das so ist, haben wir auf der Taiwan Innotech Expo 2026 in Taipeh mit Tzi-Dar Chiueh besprochen, Professor für Elektrotechnik an der National Taiwan University, der in den USA promoviert hat.
Die besten Studierenden gingen in die Elektrotechnik
Trending Topics: Wie hat Taiwan diese dominante Position in der Halbleiterindustrie aufgebaut?
Tzi-Dar Chiueh: Das beginnt an den Universitäten. Wenn junge Menschen in Taiwan ein Studium beginnen, gibt es drei oder vier Top-Wahlmöglichkeiten: Medizin, Elektrotechnik, Jus. Wer traditionell eher MINT-orientiert war, entschied sich für Elektrotechnik. Wer Ärztin oder Arzt werden wollte, ging in die Medizin, und wer sich eher für Literatur oder Recht interessierte, wählte Jus. Vor etwa 40 Jahren begannen die meisten Top-Studierenden ein Elektrotechnik-Studium an den besten Universitäten Taiwans. Viele von uns, auch ich, gingen danach für ein Doktorat in die USA. Andere blieben in Taiwan und fingen bei taiwanischen Unternehmen an.

In den 1980er-Jahren hat die taiwanische Regierung TSMC ausgegründet, gemeinsam mit mehreren anderen Chipherstellern. Wir hatten also Top-Talente: Manche blieben in Taiwan, manche gingen ins Ausland und kamen dann zurück. Da kam vieles zusammen: Talent, Technologie, staatliche Unterstützung und eine Industrie, die sich nach und nach die Anerkennung internationaler Kund:innen erarbeitet hat.
Trending Topics: TSMC war aber nicht immer die Nummer eins.
Tzi-Dar Chiueh: Nein. In den vergangenen vier, fünf Jahren zählt TSMC zu den absoluten Top-Unternehmen in der Halbleiterfertigung. Vor 20 Jahren lag die Firma aber noch weit hinter Unternehmen wie Intel, Samsung oder amerikanischen Firmen wie AMD. Sie hat sich ganz nach oben gearbeitet.
Mitten in der Nacht zurück in die Fabrik
Trending Topics: Was hat den Unterschied gemacht?
Tzi-Dar Chiueh: Wir sagen gerne, es ist die Arbeitsethik der taiwanischen Mitarbeiter:innen. Sie haben sicher die Geschichte gehört: Als ein Erdbeben Taiwan traf, sind die Ingenieur:innen in ihre Unternehmen zurückgekehrt, sogar mitten in der Nacht. Sie gingen an ihre Arbeitsplätze und prüften Maschinen und Anlagen, um zu sehen, ob die Prozesse noch reibungslos liefen. So stark ist ihr Verantwortungsgefühl, und das nicht, weil das System es verlangt. Nach dem Erdbeben gab es sogar einen Stau, so viele Autos waren auf dem Weg zurück in die Fabriken.
Trending Topics: Warum fühlen sich die Beschäftigten so stark mit ihrem Unternehmen verbunden? Gibt es Anreize, etwa Firmenanteile?
Tzi-Dar Chiueh: Ja, so etwas in der Art. Aber vor allem ist es die Kultur. Die Leute wissen: Wenn sie jetzt nicht zurückkommen, gibt es in den Wochen danach mehr Probleme. Also ist es besser, es sofort zu reparieren, statt im Bett zu bleiben, am nächsten Morgen zu kommen und festzustellen, dass jetzt zwei Wochen zusätzliche Arbeit anstehen. Es ist auch ihre Verantwortung, den Prozess wieder zum Laufen zu bringen. Je früher man zurück ist und sich den Schaden ansieht, desto früher kann man mit der Arbeit beginnen.
Warum sich TSMC nicht einfach in den USA kopieren lässt
Trending Topics: Die USA wollen Chips im eigenen Land produzieren, und TSMC baut dort Fabriken. Kann das funktionieren?
Tzi-Dar Chiueh: Morris Chang, der Gründer von TSMC, hat das in einem seiner Vorträge angesprochen. Sinngemäß sagte er: Wenn man mitten in der Nacht in der US-Fabrik von TSMC anruft, kommt niemand. Taiwan ist eine völlig andere Welt. Er ist daher nicht besonders zuversichtlich, eigentlich eher pessimistisch, was den Erfolg der TSMC-Werke in den USA angeht. Es ist nicht einfach, diese Praxis in die Vereinigten Staaten zu exportieren. Ich verstehe natürlich, dass die USA die Chipproduktion im eigenen Land haben wollen, aber es ist eben nicht so einfach.
In Europa stellt sich dieselbe Frage. TSMC baut auch hier an einer Chipfabrik mit: Die European Semiconductor Manufacturing Company (ESMC) in Dresden ist ein Joint Venture von TSMC, Bosch, Infineon und NXP Semiconductors, gegründet, um in Sachsen eine Halbleiterfabrik zu errichten und zu betreiben. Ein Teil der Antwort auf das Kulturproblem ist Ausbildung. Jedes Jahr werden zwischen 70 und 100 Fachkräfte nach Taiwan geschickt, um die Prozesse vor Ort zu lernen, damit sie später die Linien in Dresden betreiben können.
Trending Topics: Ist es nicht einfach eine Frage des technischen Rezepts?
Tzi-Dar Chiueh: Das Rezept selbst ist nicht besonders. Es geht darum, den letzten Tropfen Effizienz herauszuholen. Wenn man seine Linie effizienter betreibt und die Anlagen sofort repariert, sobald sie ausfallen, steigen sowohl die Ausbeute als auch der Durchsatz.
Trending Topics: Wie groß ist der Kostenunterschied?
Tzi-Dar Chiueh: Man sagt, dass ein Chip im US-Werk von TSMC zwei- bis dreimal so viel kostet wie in Taiwan, wegen der Gehälter, der geringeren Effizienz und so weiter. Zwei- bis dreimal ist wahrscheinlich übertrieben. Ich würde sagen, die Kosten sind mindestens 30 bis 40 Prozent höher. TSMC verlangt von seinen Kund:innen natürlich höhere Preise für Chips aus den USA. Und die Kund:innen akzeptieren das, weil sie ihre Bezugsquellen diversifizieren wollen.
Trending Topics: War diese Arbeitsteilung zwischen Chipdesign und Fertigung eigentlich so geplant?
Tzi-Dar Chiueh: Wir sagen oft, dass sie nicht wirklich geplant war, sie hat sich einfach nach und nach ergeben, ganz natürlich. Aus Sicht der internationalen Wirtschaft ergibt das Modell Sinn. Unternehmen wie TSMC verbessern ihre Fertigungstechnologie laufend und bringen sie auf die nächste, fortschrittlichere Stufe, während sie gleichzeitig die Kosten niedrig halten. Unternehmen in anderen Regionen können sich darauf konzentrieren, innovativere Chips und Produkte zu entwerfen.
70 Prozent Marktanteil in der Auftragsfertigung
Trending Topics: Wie groß ist Taiwans Anteil am globalen Chipmarkt?
Tzi-Dar Chiueh: Wenn Sie Chips meinen, die von taiwanischen Unternehmen entworfen und verkauft werden, ist der Anteil gar nicht so hoch, vielleicht 18 bis 19 Prozent, jedenfalls unter 20 Prozent. Nvidia ist das führende Chipdesign-Unternehmen, gefolgt von Firmen wie Qualcomm und AMD. Taiwans MediaTek zählt zu den Top fünf.
Trending Topics: Und wenn man die Produktion für andere Unternehmen dazunimmt?
Tzi-Dar Chiueh: Das ist schwer zu schätzen. Wenn man nach Halbleiterumsätzen sucht, wird meist nur der Wert der verkauften Chips gezählt. Man sieht nicht, wie viel TSMC verdient, weil TSMC nicht direkt an Endkund:innen verkauft. Das Unternehmen fertigt für seine Kund:innen, die ihre Marke auf den Chip bringen und ihn verkaufen. Der Umsatz wird also den Kund:innen zugerechnet, nicht TSMC. In der Auftragsfertigung aber, also beim Fertigen von Chips für andere Unternehmen, hat TSMC rund 70 Prozent des Marktes. Ein sehr hoher Anteil.
Trending Topics: Wer ist der größte Kunde, Nvidia oder Apple?
Tzi-Dar Chiueh: Apple war früher der größte Kunde von TSMC, heute ist es die Nummer zwei nach Nvidia. Apple ist auch ein seltsamer Fall, weil die Chips nicht separat verkauft werden. Sie gehen in die Smartphones und Computer des Unternehmens. Apples Chips tauchen in den Halbleiterumsätzen also gar nicht auf. Deshalb sind diese Zahlen so schwer zu bewerten.
„Wir können es uns nicht leisten, langsamer zu werden“
Trending Topics: Welche Rolle spielt die Chipindustrie im Konflikt mit China? Viele Menschen in Europa glauben, China wolle Taiwan wegen der Halbleiter.
Tzi-Dar Chiueh: China wollte Taiwan schon lange vor dem Erfolg unserer Chipindustrie. Nachdem sich die Regierung nach Taiwan zurückgezogen hatte, gab es noch einige kleinere Gefechte, etwa um Kinmen, eine kleine Insel sehr nahe am chinesischen Festland. Heute ist die Lage sehr kompliziert, mit Politik, Technologie und Zöllen, die alle zusammenkommen. Wir sagen immer: Das Einzige, was wir tun können, ist, unsere Technologie voranzutreiben. Wir haben den Point of no Return bereits überschritten. Wir können es uns nicht leisten, langsamer zu werden und andere aufholen zu lassen. So denken die meisten Führungskräfte in Taiwans Industrie und Regierung.
Trending Topics: Gibt es viele Halbleiter-Startups in Taiwan?
Tzi-Dar Chiueh: Softwarebasierte Startups sind natürlich einfacher aufzubauen. Hardware-Unternehmen brauchen viel Kapital, für EDA-Tools, Silicon IP und die Fertigung. Deshalb gibt es nicht so viele. Mehr Startups arbeiten an KI-Anwendungen und Ähnlichem.
KI-Souveränität auf taiwanische Art
Trending Topics: In Europa wird viel über digitale Souveränität und KI-Souveränität diskutiert. Die führenden KI-Modelle kommen aus den USA und aus China. Wie sieht Taiwan das?
Tzi-Dar Chiueh: Uns ist klar, dass man sehr viel Geld investieren und sehr viele Daten beschaffen muss. Meta etwa zahlt einer einzelnen Person ein Gehalt, von dem man in Taiwan vielleicht Hunderte Ingenieur:innen bezahlen könnte. Es ist für Taiwan also nicht machbar, diesen Weg zu gehen. Stattdessen arbeiten wir mit unseren eigenen Daten, die spezifischer auf Taiwan zugeschnitten sind. Wir bauen eigene Hochleistungsrechenzentren auf, nehmen offene Modelle und passen sie mit unseren Daten an. Uns ist klar, dass KI ein Spiel für große Länder ist, und derzeit haben Unternehmen aus den zwei großen Ländern ein Monopol auf diese sehr großen Modelle.
Jedes Projekt, das Trending Topics in Taiwan gesehen hat, folgt genau diesem Muster. Die Startups, Unternehmen und Forschungsteams, die wir getroffen haben, bauen ihre Produkte auf bestehenden Modellen aus den USA oder China auf, statt eigene zu trainieren. Das Startup SiliconMind läuft auf Alibabas Qwen, ELAN Microelectronics nutzt für seine KI-Verkehrsüberwachung das Objekterkennungsmodell YOLOv9, und das an der National University of Tainan entwickelte Übersetzungstool basiert auf OpenAIs Whisper. Die lokale Wertschöpfung steckt in den Daten, im Domänenwissen und in der Hardware rund um das Modell.
Trending Topics: Was ist also Taiwans Strategie?
Tzi-Dar Chiueh: Wir wollen auf der Welle der KI-Revolution mitreiten, also konzentrieren wir uns auf KI-Infrastruktur. Taiwans Exporte in die USA brechen heuer Rekorde, weil wir so viele KI-Server exportieren. Die KI-Server für Nvidia oder Google werden fast alle von taiwanischen Unternehmen gebaut. Die Rechenchips darin, etwa Nvidias GPUs oder Googles KI-Chips, werden alle von TSMC gefertigt, und das Advanced Packaging erfolgt höchstwahrscheinlich ebenfalls bei TSMC. Wir spielen also unsere Stärken aus, statt frontal in einem Feld wie großen KI-Modellen anzutreten, in dem wir nicht mithalten können.
„Hilfe hat ihren Preis“
Trending Topics: Ist die Chipindustrie aus amerikanischer Sicht ein wichtiger Grund, Taiwan zu schützen?
Tzi-Dar Chiueh: Der vorherige US-Präsident hat viermal öffentlich gesagt, die USA würden Taiwan verteidigen. Für den aktuellen ist Taiwan aus seinen eigenen Gründen wohl eher ein Faustpfand gegenüber China. Die Haltung der Menschen in Taiwan ist deshalb gemischt. Natürlich brauchen wir jede Hilfe, die wir bekommen können, schließlich stehen wir einem sehr großen Gegner gegenüber. Gleichzeitig verstehen wir, dass Hilfe ihren Preis hat. Wenn jemand hilft, will er vielleicht etwas von einem. Was dieser Preis sein wird? Vielleicht zahlt man ihn nicht selbst, sondern die nächste Generation.
Trending Topics: Worauf hoffen Sie?
Tzi-Dar Chiueh: Ich hoffe, dass manche US-Politiker:innen unsere Werte teilen, etwa Demokratie und Freiheit. Ob das auch für die breite amerikanische Öffentlichkeit gilt, wissen wir nicht. Wenn es bedeuten würde, sehr viel Geld auszugeben und dass US-Soldat:innen bei der Verteidigung Taiwans sterben, würde sie vielleicht anders entscheiden. Im Englischen sagt man: Der Himmel hilft denen, die sich selbst helfen. Selbst der Allmächtige hilft nur denen, die sich selbst helfen. Wenn man sich nicht selbst hilft, hilft einem niemand. Deshalb müssen wir in der Halbleitertechnologie vorne bleiben und natürlich auch bei der Landesverteidigung stark sein.
Nvidia-CEO Jensen Huang, gebürtiger Taiwanese, ist übrigens ein Superstar in seinem Heimatland. So mancher Imbiss wirbt mit einem Bild von ihm, dass ihm beim Würstchen-Essen zeigt.

