Tandem Health aus Schweden holt 100 Millionen Dollar für medizinischen KI-Assistenten
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Das schwedische Healthtech-Unternehmen Tandem Health hat soeben eine Series-B-Runde über 100 Millionen Dollar bekanntgegeben. Angeführt wird sie vom Scaleup Europe Fund, jenem Milliardenvehikel der EU-Kommission, das vom schwedischen Investmentkonzern EQT gemanagt wird. Für den Fonds ist es das erste Investment im Gesundheitsbereich. Mit dabei sind auch die bestehenden Investor:innen Kinnevik, Northzone, Amino Collective und Visionaries. Nach einer Series A über 50 Millionen Dollar im Vorjahr steigt das gesamte aufgenommene Kapital damit auf 160 Millionen Dollar.
Was Tandem Health macht
Tandem Health wurde vor rund drei Jahren gegründet und baut einen KI-Assistenten für den klinischen Alltag. Die Software bereitet Patient:innen-Zusammenfassungen vor dem Termin auf, unterstützt während der Konsultation bei klinischen Entscheidungen und übernimmt danach Dokumentation, Codierung und Aufgabenverwaltung. Nach eigenen Angaben ist das Produkt bei mehr als 10.000 Versorgungsorganisationen in 14 europäischen Märkten im Einsatz, darunter Ramsay Santé, Humanitas und der britische NHS. Integrationen bestehen zu über 130 Krankenakten-Systemen.
Das Unternehmen positioniert sich dabei betont über die europäische Regulierung: Drei Komponenten (AI Scribe, Coding Assistant und Clinical Decision Support) sind laut Tandem jeweils eigenständig als Medizinprodukte der Klasse IIa nach der EU-Medizinprodukteverordnung zertifiziert. Dazu kommen Zertifizierungen nach ISO 27001, ISO 13485 und ISO 42001 sowie C5 in Deutschland, ENS High in Spanien und HDS in Frankreich.
Zur Wirkung verweist das Unternehmen auf eine peer-reviewte Studie, laut der Kliniker:innen mit Tandem einen um 29 Prozent geringeren Zeitaufwand für Administration, eine um 30 Prozent höhere Arbeitszufriedenheit und um 30 Prozent weniger administrativen Stress berichten. Diese Zahlen stammen aus Erhebungen, die das Unternehmen selbst anführt.
Wofür das Geld verwendet wird
Das frische Kapital soll in zwei Bereiche fließen. Erstens in den Ausbau der lokalen Präsenz: Tandem unterhält Büros in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Italien, den Niederlanden, Schweden, Finnland, Norwegen, Dänemark, Belgien, Portugal, Estland und Litauen und beschäftigt nach eigenen Angaben rund 100 Kliniker:innen im eigenen Team. Zweitens in die Weiterentwicklung vom KI-Assistenten zu einem, wie es das Unternehmen nennt, „AI-native Clinic Operating System“, das auch Triage, Terminplanung und Patient:innen-Kommunikation abdeckt.
CEO und Mitgründer Lukas Saari argumentiert, europäische Anbieter hätten bisher entweder auf Legacy-Lösungen oder auf KI-Produkte zurückgreifen müssen, die ursprünglich für andere Märkte gebaut und nachträglich an Europa angepasst wurden. „Europa sollte den Standard dafür setzen, wie KI ins Gesundheitswesen kommt“, so Saari.
Nils Petter Nygaard, Managing Director bei EQT und beim Scaleup Europe Fund, sieht in Tandem eines der wenigen Healthtech-Unternehmen, das pan-europäisch skalieren konnte, und spricht von einer möglichen „fundamentalen KI-Schicht für das europäische Gesundheitswesen“.
Als Marktargument führt Tandem den Personalmangel an: Die WHO rechnet für 2030 mit einer Lücke von vier Millionen Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialbereich, während die Zahl der über 65-Jährigen in Europa bis 2050 auf rund 130 Millionen steigen dürfte.
Der Scaleup Europe Fund und sein bisheriges Portfolio
Der Scaleup Europe Fund ist das bislang größte Instrument dieser Art in Europa. Er wird von EQT gemanagt, zielt auf ein Volumen von fünf Milliarden Euro ab und bündelt öffentliches und privates Kapital, unter anderem von der EU-Kommission, Novo Holdings, Allianz, APG, EIFO, CriteriaCaixa, Santander/Mouro Capital sowie mehreren italienischen Stiftungen. Investiert wird von der Series B bis kurz vor den Börsengang, mit Schwerpunkt auf Deeptech, KI und Life Sciences (Trending Topics berichtete).
Die operative Tätigkeit hat der Fonds erst vor wenigen Wochen aufgenommen. Bisher sind folgende Investments bekannt:
- ICEYE (Finnland): Co-Lead bei einer Runde über eine Milliarde Euro für den Radarsatelliten- und Aufklärungsspezialisten, das erste Investment des Fonds überhaupt (mehr dazu hier).
- Lovable (Schweden): Co-Lead gemeinsam mit Menlo Ventures bei der Series C über 400 Millionen Dollar, die das Vibe-Coding-Startup mit 13,3 Milliarden Dollar bewertete (mehr dazu hier).
- Mistral AI (Frankreich): Co-Lead neben Samsung Electronics und PSG Equity bei der Series D über drei Milliarden Euro, der größten europäischen Tech-Eigenkapitalrunde bisher (mehr dazu hier).
- The Exploration Company (Deutschland/Frankreich): Co-Lead mit Bessemer Venture Partners und Atomico bei der Series C über 450 Millionen Dollar für das Raumfahrtunternehmen (Trending Topics berichtete).
- Tandem Health (Schweden): Lead-Investor der aktuellen Series B über 100 Millionen Dollar.
Auffällig ist die geografische Verteilung: Drei der fünf Beteiligungen entfallen auf den nordischen Raum, zwei auf Frankreich beziehungsweise deutsch-französische Strukturen. Unternehmen aus Mittel-, Ost- oder Südeuropa finden sich bislang nicht im Portfolio. Auch thematisch zeichnet sich ein Muster ab: Souveränität im weiteren Sinn, also Raumfahrt, KI-Modelle, Entwicklerwerkzeuge und nun medizinische Infrastruktur.

