US-Widerstand bremst 120 Rechenzentren um fast 170 Milliarden Euro aus
Trending Topics auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen.
Der KI-Boom braucht Beton, Strom und Wasser, und immer mehr US-Gemeinden sagen dazu vorsorglich Nein. Laut dem neuen Quartalsbericht der Beobachtungsstelle Data Center Watch wurden zwischen April und Juni mindestens 45 Rechenzentrumsprojekte im Wert von rund 58 Milliarden Euro (68 Milliarden US-Dollar) blockiert oder verzögert. Das betrifft demnach mehr als die Hälfte aller neu vorgeschlagenen Großprojekte im Quartal.
Weniger gestoppte Projekte als im ersten Quartal
Ein Anstieg gegenüber dem Jahresbeginn ist bei den blockierten Projekten nicht zu sehen, im Gegenteil. Im ersten Quartal hatte Data Center Watch noch mindestens 75 gestoppte oder verzögerte Projekte im Wert von rund 111 Milliarden Euro (130 Milliarden US-Dollar) gezählt. Das war laut Bericht die größte Konzentration blockierter Rechenzentren in einem einzelnen Quartal seit Beginn der Aufzeichnungen und entsprach in etwa dem Volumen des gesamten Jahres 2025.
Im Vergleich dazu ging die Zahl der betroffenen Projekte im zweiten Quartal um 40 Prozent zurück, das betroffene Investitionsvolumen hat sich fast halbiert. Zusammengerechnet summieren sich die Störungen im ersten Halbjahr auf rund 120 Projekte und knapp 170 Milliarden Euro.
Die Zahl der organisierten Gegner:innen ist dagegen leicht gestiegen. Data Center Watch zählt mittlerweile 843 lokale Oppositionsgruppen in 49 Bundesstaaten, Ende März waren es 833. Der große Sprung fand bereits davor statt: Ende 2025 lag die Zahl noch bei 396 Gruppen. Die Autor:innen des Berichts sprechen von einem weiterhin „erhöhten Niveau“ an Projektstörungen, wobei der Widerstand zunehmend lokal und auf einzelne Genehmigungs- und Infrastrukturentscheidungen fokussiert sei.
Moratorien auf Vorrat
Qualitativ hat sich die Lage allerdings verändert. Gemeinden und Bundesstaaten reagieren nicht mehr nur auf konkrete Bauanträge, sondern regulieren vorab. Moratorien und befristete Beschränkungen verschaffen Behörden Zeit, um Regeln für Flächennutzung, Wasser, Strom und Infrastruktur auszuarbeiten, noch bevor Entwickler:innen überhaupt Interesse anmelden.
Beispiele aus dem Bericht:
- Santa Fe County, New Mexico: Der Bezirk beschloss das erste präventive Rechenzentrums-Moratorium des Bundesstaates und setzt Neubauten für 18 Monate aus, um Flächenwidmungs- und Umweltstandards zu entwickeln.
- Superior, Wisconsin: Die Stadt verhängte ein einjähriges Moratorium, nachdem Google im benachbarten Hermantown (Minnesota) ein Hyperscale-Rechenzentrum um rund 1,7 Milliarden Euro vorgeschlagen hatte.
- Harpersville, Alabama: Der Gemeinderat beschloss eine sechsmonatige Pause, obwohl in der Stadt selbst gar kein Antrag vorlag. Anlass waren Anfragen an Nachbargemeinden.
- Jefferson, Texas: Nachdem Gouverneur Greg Abbott einen landesweiten Stopp für Netzanschlüsse samt Prüfung angeordnet hatte, stellte sich der Stadtrat einstimmig gegen neue Rechenzentren.
- Independence County, Arkansas: Die Behörden erließen ein Moratorium bis 2031 und verwiesen auf knappe Wasserressourcen, ebenfalls ohne konkretes Projekt.
Auch auf Ebene der Bundesstaaten blieb es zum Ende der Legislaturperioden lebhaft. Per Gesetz, Verordnung oder regulatorischer Anweisung wurden Regeln zu Bau, Steuererleichterungen, Stromkosten und deren Verteilung diskutiert oder beschlossen. Rund 30 Parlamente der Bundesstaaten haben laut Bericht entsprechende Maßnahmen eingebracht oder verabschiedet.
Rechenzentren landen auf dem Stimmzettel
Das Thema erreicht zudem die Wahlurnen. 17 Abstimmungen mit Bezug zu Rechenzentren haben es im laufenden Wahlzyklus auf den Stimmzettel geschafft, zehn weitere scheiterten vorher. Es geht um Flächenwidmung, verpflichtende Bürger:innenabstimmungen über neue Projekte, Energie- und Wasserverbrauch, Lärmgrenzen sowie finanzielle Garantien bei Steuernachlässen.
Parteipolitisch ist die Front bemerkenswert breit: Sowohl republikanisch als auch demokratisch regierte Bundesstaaten treiben gezielte Regeln voran. Dass die Haltung zu Rechenzentren Wahlen tatsächlich entscheidet, lässt sich laut Data Center Watch bisher kaum belegen. Kandidat:innen beider Lager behandeln das Thema vor den Midterms aber zunehmend als Wahlkampfstoff. Die Stimmung in der Bevölkerung gibt ihnen Rückenwind: Laut einer Gallup-Umfrage lehnen sieben von zehn US-Amerikaner:innen den Bau von KI-Rechenzentren in ihrer Umgebung ab, 48 Prozent sogar entschieden.
Strompreise und Geheimhaltung im Fokus
Inhaltlich verschiebt sich die Debatte stärker in Richtung Infrastrukturkosten. Gemeinden fragen zunehmend, wer für neue Kraftwerke und Leitungen bezahlt und wie sich das auf die Stromtarife auswirkt. Dass KI-Rechenzentren die Strompreise von US-Haushalten bereits spürbar beeinflussen, hat Trending Topics bereits analysiert.
Ein weiterer Streitpunkt ist Transparenz. Nicht offengelegte Vertragsbedingungen, Steueranreize und Verschwiegenheitsvereinbarungen (NDAs) mit Kommunen haben Forderungen nach mehr Offenlegung ausgelöst. Einige Bundesstaaten schränken den Einsatz solcher NDAs mittlerweile ein.
Die Gegenseite: Steuereinnahmen und Jobs
Befürworter:innen verweisen auf die wirtschaftlichen Effekte. In Oregon etwa spülen Rechenzentren laut einer aktuellen Studie rund 60 Millionen US-Dollar (etwa 51 Millionen Euro) an Steuern in die Kassen des Bundesstaates, wie KPTV berichtet. Für Hyperscaler wie Google, Microsoft, Amazon und Meta bleibt der Ausbau zudem strategisch zentral, um den Rechenbedarf für KI-Modelle zu decken.

