Binance öffnet Auszahlungen wieder: 2,5 Milliarden Dollar fließen ab, BNB hält sich
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Die Schleusen sind wieder offen, und der befürchtete Bank Run ist bisher ein Bächlein.
Knapp drei Tage nach dem größten Krypto-Diebstahl der Geschichte hat Binance am Sonntagmorgen die Auszahlungen wieder aufgenommen. Kurz nach 6 Uhr UTC startete die erste Phase mit Bitcoin, Ether, BNB, Solana, XRP, Dogecoin, den Stablecoins USDT und USDC und weiteren Assets auf 15 Blockchains, darunter Ethereum, BNB Smart Chain und Base. Binance hat die Netzwerke nach der Nachfrage der vergangenen Woche gereiht, die übrigen sollen folgen, sobald sie eigene Sicherheits- und Stabilitätsprüfungen bestanden haben. Einzahlungen waren nie gestoppt. Gleichzeitig meldete die Börse auf X, inzwischen rund 95 Prozent der betroffenen Assets aus eigenen Mitteln ersetzt zu haben, nach 80 und 90 Prozent in früheren Updates. Die Guthaben in BTC, ETH, USDT, BNB, SOL, USDC, XRP, USD1, RLUSD und ZEC seien zu 100 Prozent gedeckt.
Wie Binance den Schaden deckt
Beim Angriff am vergangenen Donnerstag hatten die Täter:innen Kryptowährungen im Wert von rund 6,3 Milliarden Dollar (rund 5,7 Milliarden Euro) aus Hot Wallets abgezogen, ein kompromittierter Laptop eines Mitarbeiters soll der Einstiegspunkt gewesen sein. Binance hat nach eigenen Angaben rund 6,34 Milliarden Dollar an Unternehmensmitteln zurückgestellt und kauft die fehlenden Token über den Markt und außerbörslich zu. Das Geld kommt aus drei Töpfen: aus dem Secure Asset Fund for Users (SAFU), dem 2018 eingerichteten Notfallfonds, der üblicherweise rund 1 Milliarde Dollar (rund 900 Millionen Euro) hält, aus einem Teil des Versicherungsfonds für das Futures-Geschäft und aus der Unternehmenskasse. Co-CEO Yi He zufolge wird etwa die Hälfte des SAFU verbraucht, Binance will ihn wieder auf rund 1 Milliarde Dollar auffüllen. Die Einnahmen des laufenden Jahres würden den Verlust vollständig abdecken, so He laut Bloomberg.
„Nutzer:innen werden die finanziellen Folgen dieses Vorfalls nicht tragen“, sagte Co-CEO Richard Teng. Die restlichen 5 Prozent betreffen kleinere Token außerhalb der Top Ten, die am Markt weniger liquide sind und in der nötigen Menge länger zu beschaffen seien. Ein Teil des Schadens könnte noch zurückkommen: Rund 3 Milliarden Dollar (rund 2,7 Milliarden Euro) der gestohlenen Assets waren bis Freitag eingefroren, vor allem durch Tether und Circle. Eingefroren heißt aber nicht zurückgeholt, dafür braucht es meist Gerichtsverfahren, die Monate oder Jahre dauern können. Laut dem Analysehaus Elliptic halten die Angreifer:innen noch rund 3,3 Milliarden Dollar, darunter 18.270 Bitcoin, und schleusen das Geld stündlich über eine Tron-Wallet weiter, großteils in Richtung THORChain. Das FBI macht die nordkoreanische Hackergruppe TraderTraitor für den Angriff verantwortlich und rechnet mit weiterer Geldwäsche über DeFi-Protokolle und Instant-Swap-Dienste.
Wie sich BNB entwickelt
Der hauseigene Token BNB ist bisher glimpflich davongekommen. Am Tag des Hacks fiel er um gut 7 Prozent auf rund 699 Dollar, zwischenzeitlich lag das Minus bei fast 10 Prozent. Am Sonntag, nach dem Neustart der Auszahlungen, notierte BNB bei rund 707 Dollar (rund 636 Euro), etwa 6 Prozent unter dem Niveau vor dem Angriff und unter dem 20- und 50-Tage-Durchschnitt, aber klar über der 200-Tage-Linie bei rund 655 Dollar. Der Analyst Rick Maeda von Laevitas nannte den Rückgang „ziemlich moderat für den möglicherweise größten Börsendiebstahl aller Zeiten“ und verwies auf die rund 144 Milliarden Dollar, die Binance für Kund:innen verwahrt.
Der Vergleich, der in der Branche seit Donnerstag kursiert, ist FTX: Dessen Token FTT war im November 2022 binnen Tagen um mehr als 90 Prozent abgestürzt, als klar wurde, dass die Börse Kundengelder verzockt hatte. Bei Binance liegt der Fall anders: Die Assets wurden gestohlen, nicht veruntreut, und die Börse hat die Lücke aus eigenen Mitteln geschlossen. Der Krypto-Markt insgesamt verlor nach dem Hack rund 5 Prozent, nach dem FTX-Kollaps waren es 25 Prozent. Bitcoin lag am Sonntag rund 5 Prozent unter dem Hoch vor dem Angriff, die meisten großen Kryptowährungen bewegten sich um weniger als 1 Prozent.
Droht ein Bank Run?
Die Zahlen der ersten Stunden zeigen, wie viel Vertrauen verloren ging. Laut DefiLlama flossen nach dem Neustart bis Sonntagabend netto rund 2,5 Milliarden Dollar (rund 2,25 Milliarden Euro) von Binance ab. Über sieben Tage, inklusive des Hacks selbst, summieren sich die Nettoabflüsse auf rund 8 Milliarden Dollar (rund 7,2 Milliarden Euro). Konkurrenten wie OKX und Bybit verzeichneten im selben Zeitraum leichte Zuflüsse. Gemessen an den rund 134 Milliarden Dollar (rund 120 Milliarden Euro), die laut DefiLlama auf der Plattform liegen, entsprechen die Abflüsse seit dem Neustart knapp 2 Prozent der Assets. Zum Vergleich: Die Nummer zwei OKX verwahrt rund 29 Milliarden Dollar.
Dass es bisher nicht mehr ist, hat mehrere Gründe. Erstens hat Binance die Lücke bereits geschlossen, bevor die Auszahlungen wieder liefen, ein Bank Run trifft also auf gedeckte Guthaben. Zweitens will die Börse mit einem Proof of Reserves nachlegen: Der Snapshot wurde am 31. Oktober um Mitternacht UTC gezogen, der vollständige Zero-Knowledge-Nachweis soll bis 3. November vorliegen. Drittens sind die Alternativen begrenzt, keine andere Börse könnte die Volumina von Binance kurzfristig aufnehmen. „Es tut weh, aber wir überleben“, schrieb Gründer Changpeng Zhao.
Was offen bleibt
Beruhigend ist das noch nicht. Binance hat am Freitag „zusätzliche Einbruchspunkte“ in der Untersuchung gemeldet, ohne Details zu nennen, und Teng sprach von Malware, die ihre eigenen Spuren löschte. Wie der Angriff genau ablief, ist also weiter unklar, und damit auch, ob die Lücke vollständig geschlossen ist. Die Auszahlungen laufen zudem erst für einen Teil der Netzwerke, der eigentliche Stresstest kommt, wenn alle Assets wieder abziehbar sind. Und die 2,5 Milliarden Dollar vom ersten Tag sind erst der Anfang: Große Kund:innen, die ihre Guthaben vorsorglich auf andere Börsen oder in Selbstverwahrung verschieben, tun das selten innerhalb weniger Stunden. Haseeb Qureshi vom Krypto-Investor Dragonfly sieht in der schnellen Reaktion der Branche dennoch ein Zeichen, dass sie erwachsen geworden ist. Ob das auch für die Kund:innen von Binance gilt, zeigen die Abflüsse der kommenden Tage.
