KI-Zweifel: Chip-Börsengänge geraten ins Stottern
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Wenn selbst die größten Gewinner des KI-Booms nicht mehr an die Börse wollen, ist die Party vorerst vorbei: Der südkoreanische Speicherchip-Riese SK Hynix hat soeben die Prüfung eines US-Börsengangs seiner Tochter Solidigm abgebrochen. Auch die geplante Pre-IPO-Finanzierungsrunde ist vom Tisch, wie der Korea Herald berichtet. Die Begründung: die aktuelle Lage an den Kapitalmärkten und die Kursentwicklung. Solidigm müsse neu bewerten, ob ein Börsengang derzeit die beste Option für SK Hynix und seine Aktionär:innen sei, heißt es in einer Stellungnahme.
Es ging um viel Geld. Solidigm hätte laut Medienberichten frühestens im kommenden Jahr an die Nasdaq gehen und dabei 10 bis 15 Milliarden Dollar (rund 9 bis 13 Milliarden Euro) einsammeln sollen, bei einer Bewertung von bis zu 150 Milliarden Dollar (rund 134 Milliarden Euro).
Gegenwind aus Seoul
Neben dem Börsenumfeld spielte auch die Politik eine Rolle. Die südkoreanische Finanzaufsicht FSS und die Finanzkommission FSC hatten erst diese Woche erklärt, dass Solidigm unter die neuen Regeln gegen sogenannte Doppel-Listings falle. Diese sollen verhindern, dass Konzerne Töchter separat an die Börse bringen und damit die Anteile der bestehenden Aktionär:innen verwässern. Genau das hatten Anleger:innen von SK Hynix kritisiert, Abgeordnete beider großen Parteien forderten Schutzmaßnahmen. SK Hynix betont allerdings, die strengeren Regeln seien nicht der direkte Grund für den Rückzug.
Solidigm entstand 2021, als SK Hynix das NAND-Flash- und SSD-Geschäft von Intel übernahm. Die Firma sitzt in Kalifornien, produziert aber bisher nur im chinesischen Dalian. Mit dem Geld aus dem Börsengang wollte SK Hynix ein erstes Werk an der US-Ostküste finanzieren, um näher an die großen US-Techkonzerne und ihren Hunger nach Speicher für KI-Rechenzentren zu rücken. Am Wachstum und am Investitionsbedarf von Solidigm ändere die Entscheidung nichts, so SK Hynix. Man prüfe nun andere Finanzierungswege, etwa direkte Investitionen.
Chipwerte im freien Fall
Der Rückzug fällt mitten in einen heftigen Ausverkauf bei Tech- und Chipaktien. Gestern verlor der Nasdaq Composite 2,6 Prozent, der Philadelphia Semiconductor Index brach sogar um 6,7 Prozent ein. Auslöser waren wachsende Zweifel, ob sich die Milliarden für KI-Infrastruktur jemals rechnen, befeuert durch die Quartalszahlen von Meta, wo die KI-Investitionen den Cashflow fressen. Bereits vergangene Woche hatten KI-Aktien ordentlich nachgegeben.
Heute ging es in Asien weiter: Der Kospi fiel zeitweise um rund 4 Prozent, der japanische Nikkei 225 um 2 Prozent. Die SK-Hynix-Aktie rutschte nach der Ankündigung zunächst um bis zu 4 Prozent ab, drehte im Tagesverlauf aber ins Plus. „Das ist nicht mehr nur ein Markt, der hoch verschuldete KI-Firmen mit fragwürdiger Finanzierung abstraft“, schreibt Chris Weston, Research-Chef beim Broker Pepperstone, laut Business Insider. Anleger:innen würden ihr KI-Engagement quer durch den Sektor reduzieren, auch bei Firmen mit soliden Bilanzen und echten Gewinnen.
SK Hynix gehört zu den größten Profiteuren des KI-Booms, weil es führend bei High-Bandwidth-Memory ist, einem zentralen Bauteil der KI-Chips von Nvidia. Der Konzern stieg heuer kurzzeitig in den Billionen-Dollar-Club auf und sammelte im Juli mit einem Nasdaq-Listing seiner Aktienzertifikate 26,5 Milliarden Dollar (rund 23,6 Milliarden Euro) ein, eine der größten Aktienplatzierungen der Geschichte.
Die Konkurrenz leidet mit
Solidigm konkurriert bei NAND-Speicher und SSDs vor allem mit Samsung, Micron, Kioxia und Sandisk, und deren Aktien zeigen, warum der Zeitpunkt für einen Börsengang denkbar schlecht ist. Sandisk liegt laut Korea Herald rund 40 Prozent unter seinem Hoch vom Juni, Micron verlor gestern 6,3 Prozent, Samsung Electronics heute zeitweise 3 Prozent. Damit wäre die erhoffte Bewertung für Solidigm kaum zu erreichen gewesen.
Der IPO-Markt friert ein
SK Hynix ist nicht allein. Der australische Rechenzentrumsbetreiber Firmus, an dem Nvidia beteiligt ist, hat kürzlich seinen Börsengang abgesagt, angepeilt war eine Bewertung von rund 30 Milliarden Dollar. Firmus will sich nun privat finanzieren. Der finnische Smart-Ring-Hersteller Oura hat seinen US-Börsengang auf Eis gelegt, trotz angeblich starker Nachfrage. Und wer es an die Börse schafft, erlebt eine Achterbahnfahrt: Die südkoreanische KI-Cloud-Firma Elice stürzte am Dienstag bei ihrem Debüt am Kosdaq um bis zu 32 Prozent ab, obwohl die Privatanleger:innen-Tranche mehr als 400-fach überzeichnet war. Tags darauf legte die Aktie wieder 30 Prozent zu.
Laut RBC Capital Markets sank das Dollarvolumen der weltweiten IPO-Anmeldungen im September um 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Schon Anfang Oktober herrschte an der Wall Street IPO-Flaute, viele Kandidat:innen warten auf den Börsengang von Anthropic. Pepperstone-Analyst Weston rechnet damit, dass der Verkaufsdruck anhält: Bei fallenden Kursen bräuchten Verkäufer:innen keinen neuen Auslöser, die Kursentwicklung selbst sorge für weitere Verkäufe.
Übertriebene Panik?
Nicht alle teilen den Pessimismus. Analyst:innen der Bank of America bezeichneten den Ausverkauf bei Speicherchip-Aktien bereits vergangene Woche als übertrieben, er spiegle nicht die Verfassung des Speichergeschäfts wider. Auch JPMorgan sah in dem Rückgang eine mögliche Kaufgelegenheit auf mittlere Sicht. Ihr Argument: Die Nachfrage nach Speicher für KI-Rechenzentren sei ungebrochen hoch, Speicherchips zählen derzeit zu den größten Engpässen beim Ausbau der KI-Infrastruktur.

